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Tomris Uyar war eine der wenigen Repräsentanten der türkischen Literatur, die sich weltanschaulich treu geblieben sind...
Ein Ausschnitt aus der Erzählung Herz in Fesseln ist geradezu eine Definition der künstlerischen Position der Autorin: ”Vielleicht habe ich die spannungsvolle Verantwortlichkeit der winzigen Nuancen durch jene Lieder, jene Filme begriffen, dass zwischen dem Banalen und Edlen, zwischen dem Vergänglichen und Ewigen nur eine Haaresbreite liegt. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum ich keine Romane schreibe. Man glaubt, dass der erste Roman in der Regel aus der eigenen Autobiographie schöpft. Ist die Autobiographie aber nicht lediglich ein winziger Ausgangspunkt, der Vergangenheit und Zukunft des Literaten lenkt? Wenn sie sich in die Länge zieht, wen interessiert das? Können wir das Leben an einem ausgesuchten Punkt anhalten, einfrieren, um uns selbst zu rechtfertigen oder zu quälen und zu zermürben? Selbstverständlich wird ein zweiter Roman nicht geschrieben, ohne dass ein erster geschrieben wurde. Dann also her mit den Erzählungen, der dauernden Dynamik...” Das literarische Credo der Künstlerin: Zu der weltanschaulichen und literarischen "Heimat" der Autorin zählen in erster Linie Existentialismus und Surrealismus. Literaten wie Poe, Kafka, Faulkner, F. C. Scott, Borges, Ingeborg Bachmann und ganz besonders Virginia Woolf sind ihre Vorbilder. In der Türkei selbst war sie Mitglied einer Literatengruppe, die angetreten war, um die türkische Dichtung zu revolutionieren. Bis heute sind Dichter wie Cemal Süreya, Edip Cansever und Turgut Uyar so beliebt, dass viele junge Menschen ihre Gedichte auswendig können, noch heute ist die Gruppe ein poetisches Ereignis: Ikinci Yeni (Die Zweite Neue).
Short Storys waren ihre Spezialität
Traumverkäufer präsentiert einen Querschnitt des erzählerischen Werkes Tomris Uyars und bietet einen Einblick in mehr als 30 Jahre ihrer literarischen Tätigkeit. Getreu ihres Prinzips, wurden Erzählungen ausgewählt, die um ein Thema angeordnet sind: die Veräußerbarkeit von (Lebens-)Träumen. Der Begriff ”Traum” ist dabei ein weiter Sinnesrahmen, der auch nach modernen Deutungen verlangt. Unter dem vieldeutigen Aspekt des Titels Traumverkäufer haben wir eine Auswahl aus den unverwechselbaren Erzählungen der Autorin zusammengestellt. Auf irgendeine Art handeln sie alle von Träumen, sei es in Form von Lebensentwürfen oder Visionen, Wünschen oder Fiktionen, die dann auf unterschiedliche Weise "verkauft" werden, entweder eingetauscht oder verraten, oder aber in jenem Sinne wie in der Konsumgesellschaft Waren zu Zeichen von Statussymbolen und somit zu "Lebensträumen" hochstilisiert werden, Kauf und Verkauf manchmal erst möglich machen. Aus der literarischen Orientierung Tomris Uyars an bestimmten Strömungen der Welt- literatur resultiert nicht zuletzt ihr ungewohnter Umgang mit Werkstrukturen und mit der Sprache, die auch in den zusammengestellten Kurzgeschichten sehr deutlich zum Tragen kommt. Ihre Erzählungen sind also nicht immer unmittelbar nachvollziehbar, sondern müssen in bestimmten literarischen Zusammenhängen gedacht werden, als Anspielungen, Ergänzungen oder als Allegorien, und auch als konkrete Bezüge auf andere Werke und auf Märchen der Welt begriffen werden. Um den Leserinnen und Lesern den Einstieg in die Erzählwelt der Autorin zu erleichtern, wurden am Ende des Bandes kurze Interpretationen zu jeder einzelnen Kurzgeschichte angefügt. (Lesen Sie bitte auch die Textprobe)
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