Türkische Literatur im Literaturca Verlag: Beatrix Caner: Tanpinar's Harmonie. Der Höhepunkt der türkischen Moderne. Monographie

Beatrix Caner:
Tanpınar’s Harmonie.
Der Höhepunkt der türkischen Moderne.

Monographie.

ca. 360 Seiten, gebunden

ISBN 3-935535-03-1

28,00 EUR

Erscheint Anfang Oktober 2008.
 

 

Zitat aus der Einführung:
© Beatrix Caner

WER WAR AHMET HAMDI TANPINAR?

"Weil er Richtung hat, weil er seine Bahn zieht
wie den einzigen aller möglichen Wege, verzweifelt
unter dem Zwang, die ganze Welt zu der seinen
machen zu müssen, und schuldig in der Anmaßung,
die Welt zu definieren, ist er wirklich da."

Ingeborg Bachmann, Frankfurter Vorlesungen:
Fragen und Scheinfragen

 

Ganze 37 Gedichte hat er hinterlassen, dennoch gilt Ahmet Hamdi Tanpınar in der Türkei vornehmlich als Dichter. Von vielen Wissenschaftlern und Kritikern seines Landes wird er heute als ein exzellenter Vertreter der Literatur beurteilt, nicht wenige sehen in ihm rückwirkend sogar den Höhepunkt der türkischen Moderne. Ein türkischer Turkologe, Prof. Birol Emil, der sein Schüler und Assistent war, nannte ihn „den Kultiviertesten [türkischen] Wissenschaftler und Denker, den Künstler mit der vielschichtigsten Persönlichkeit“. In der Person Tanpınars haben sich - so sehen es viele seiner Landsleute - „Ost und West“ gefunden und sich zu einer künstlerisch und geistig einmaligen Synthese verschmolzen.

Die Vielfalt seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist in der türkischen Literatur beispiellos: in beinahe jedem Genre war er produktiv, widmete sich der Dichtung, daneben vielen Formen der Prosaliteratur. Zeitungsartikeln gehörten genauso zu seinem Handwerk wie wissenschaftliche Abhandlungen. Seine Schriften behandelten Gesellschaft und Geschichte, Gefühle und Gedanken, alle Sparten der Hochkultur und oft auch Psychologie, gelegentlich aber auch Politik. Er beschäftigte sich intensiv mit allen Zweigen der Kunst und schrieb darüber richtungweisende Essays. Er verglich dabei stets die Kultur des Westens/Europas mit der Kultur des Ostens/der Türkei, strebte eine gemeinsame geistige Basis an, auf der eine neue, humanistisch geprägte Türkei entstehen könnte. Sein ästhetisches Universum besteht dementsprechend aus einer ansehnlichen Palette von Werken – Romane, Erzählungen, Essays, Artikel, wissenschaftliche Abhandlungen sowie Monographien -, die allesamt von einem sehr typischen, sofort wieder erkennbaren Stil geprägt sind. Zweifellos hat Tanpınar ein beachtliches Gesamtwerk geschaffen, das immer wieder zum neuerlichen lesen einlädt und vor allem heutigen türkischen Lesern eine verdrängte ethische, ästhetische und kulturelle Haltung sowie eine in Jahrhunderten gereifte Zivilisation nahe bringt. Aber Tanpınars Werk bietet vor allem eine reichhaltige Quelle an zum Teil verschollenen Wissen über den Alltags- und Hochkultur seiner türkischen Heimat, die erst in unseren Tagen als Identifikations- und Orientierungsgrundlage von einer neuen, jungen Generation von Intellektuellen (wieder)entdeckt wird, und die auf moderne und individuelle Art und Weise verändert und weiterentwickelt Verwendung findet. Insbesondere jüngere Schriftsteller entdecken Ahmet Hamdi Tanpınar für sich und schöpfen aus seinem Werk Inspiration, Themen und gelegentlich auch klassische Ideen, lassen sich von seiner eigentümlichen Poethologie beeinflussen. In Umfragen wird Tanpınar von jungen Preisträgern literarischer Wettbewerbe neben Autoren wie Sabahattin Ali, Halit Ziya Uşaklıgil,  Oğuz Atay und Bilge Karasu – große Schriftstellerpersönlichkeiten der Türkei - am häufigsten als Vorbild genannt. Aber auch arrivierte Autoren wie Orhan Pamuk, Ahmet Altan und Elif Shafak werden überaus intensiv und nachweislich von diesem Literaten beeinflusst. Auf diese Weise werden Werte, die Tanpınar in den Raum gestellt hat, heute intensiver denn je wirksam.

Was aber kann Tanpınars Werk deutschen Lesern an Bereicherung bringen? Oder anders gefragt: Aus welchen Gründen soll man sich mit Ahmet Hamdi Tanpınar beschäftigen? 

Tanpınar  war vor allem ein Denker des Ostens: In seinem Werk begegnet man einer vielschichtigen Philosophie, einer Weltbetrachtung, die alle Gebiete des Lebens integriert. Obwohl das Thema in seinem Werk nicht vorherrschend ist, sind seine Darstellungen östlicher Mystik einzigartig, kostbar, poetisch und aufschlussreich zugleich. In der Mystik, wie sie Tanpınar  erlebt und schildert, findet man nicht nur eine innere Harmonie, die heutige Menschen so oft vermissen, sie ist auch Quelle von Erkenntnissen über das Sein, über existentielle und philosophische Fragen, dennoch ohne tendenziös, allzu religiös oder gar fundamentalistisch zu sein. Die Mystik, die vor allem in Tanpınars Gedichten, aber auch in seinem Prosa zum Ausdruck kommt, ist die des Friedens, der universalen Sinnsuche, der tiefen Reflexion über das menschliche Bewusstsein und über die Manifestationen  - Werke - dieses Bewusstseins als Kultur. Dabei hat für Tanpınar Kultur eine umfassendere Bedeutung als allgemein, sie beinhaltet alle von Menschen erschaffenen konkreten und geistigen Schöpfungen. In diesem Licht gesehen sind seine Betrachtungen von Raum und Zeit, von Natur und Mensch – auf die in dieser Arbeit ausführlich eingegangen wird - von einer Bedeutungsdichte, die in der modernen türkischen Literatur kaum ein zweites Mal anzutreffen sind. Diese Betrachtungen sind nicht statische Bilder, sondern dynamische ästhetische Modelle und sie geben vor allem emotionale und geistige Anregungen, die zu entscheidenden Erkenntnissen führen können.

Tanpınar war aber auch ein Denker des Westens: Seine wichtigsten Denkanstöße, die er individuell weiterentwickelte, erhielt er von Bergson und von Valéry. Bergson führte ihn zu vielschichtigen Betrachtungen des Phänomens Zeit, unter Valérys Einfluss reifte seine sehr komplexe, durchdachte, auf Wissen und Denken basierende Ästhetik. Aber auch andere Philosophen wie Platon, Nietzsche sowie die frühen Existentialisten formten Tanpınars Weltsicht. Recht eindeutig ist seine frühe ablehnende Position zu der cartesianischen Weltsicht gereift und seine diesbezügliche offene Kritik an der von ihm als überaus egozentrisch und arrogant empfundene Selbstdefinition des Menschen im Satz „Ich denke, also bin ich“ findet sogar in seinen belletristischen Werken viel Raum.

Tanpınar war ein Ästhet des Ostens: Sein Werk steht zu einem großen Teil in einer ästhetischen Tradition hervorragender osmanischer Dichter und Komponisten, die ihn inspirierten. Zu seinen unmittelbaren Meistern zählen seine klassisch ausgerichteten Zeitgenossen, so der väterliche Dichterfreund Yâhyâ Kemal Beyatlı, der auch sein Professor für Literatur  war, sowie der Dichter Hasim, mit dem er als einer der wenigen Zeitgenossen ein Leben lang befreundet war und als dessen Nachfolger er Dozent für Ästhetik an der Akademie der Künste in Istanbul wurde.

Im gleichen Maße war Tanpınar  ein Ästhet des Westens: Seine großen Vorbilder in der Dichtung waren in erster Linie französische Dichter wie Mallarmé, aber die meisten Klassiker und einige Literaten der Avantgarde, so etwa Joyce, hatten ihn merklich beeinflusst. Bei Tanpınar  tauchen Ideen, Symbolik und Bilderreihen vieler europäischer Literaten fast schon als „Intertextualität“ auf – lange bevor die Technik der literarischen Bezugnahme diese Definition erhielt –, neu zusammengesetzt, verfremdet und der Situation im Werk angepasst, oft nicht nur wieder erkennbar, sondern sogar konkret mit Namen des Autors genannt.

Als besondere Inspirationsquelle diente Tanpınar die Musik, sowohl Werke orientalischer als auch europäischer Komponisten. Nach eigener Bekundung entstanden alle seine Werke, sogar kürzere Artikel, auf der Basis eines Musikstückes. Tanpınar stand dabei ganz im Banne Beethovens und es scheint, dass die meisten seiner Texte von diesem deutschen Komponisten inspiriert wurden. In dieser Frage macht Ahmet Hamdi Tanpınar seine Spuren sehr deutlich: Die Komponisten und Werke, die ihn inspirierten, sind von ihm in mehreren Artikeln genannt. Es ist ganz besonders interessant diesen Musikspuren zu folgen und sie zu entdecken, und dabei zu betrachten, wie sich Ost und West zu einer wunderbaren Harmonie, zu einer feinen Poetik Tanpınars werden.

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