türkische literatur - beethoven

"Heute fühlt sich die Hälfte der Menschheit Wagner verpflichtet, die Gesamtheit aber Beethoven."
Ahmet Hamdi TANPINAR

 

türkisceh literatur - Ahmet Hamdi Tanpinar's Roman Huzur

Natürlich fühlte sich TANPINAR Beethoven verpflichtet. Für todessehnsüchtige Romantik hatte der mystisch veranlagte Dichter nichts übrig. Schon gar nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, den er in seinem Hauptwerk thematisierte: Sein Roman Huzur ist das Grundwerk der türkischen Moderne.
Dass ein Werk Beethovens bei der Entstehung dieses Romans Vorbild war, hatte der Autor immer wieder erklärt. Die einzig offene Frage war: Welches Werk Beethovens lieferte das Grundmuster? Was liegt da Näher, als an die überwältigende “Schicksalssymphonie”, also an Beethovens Fünfte zu denken? Das Schicksal klopft an die Tür - und die Welt nimmt Abschied von Humanismus, von einer Ethik Alteuropas.
TANPINAR schreibt über die Verbindung von Musik und Literatur:
"Die Poesie ist die Kunst, die Sprache zu einem individuellen Instrument zu entwickeln, ebenso wie beispielsweise Beethoven das Piano. Wie die Sonate oder das Quartett, das Solo. Sich selbst allein mit der gesamten Umgebung erschaffend, mit einer Form zusammen, die, Spielwürfeln gleich, jeden Zufall möglicher Ereignisse ausschließt, dich mit deinen Ängsten und Träumen geben. Das Ganze ist eine Frage der Vision. Und der Form, die ihr zu verleihen ist. Denn eine schöne Zeile genügt nicht."

 

Der türkische Anglist und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Berna Moran schrieb über den Aufbau des Romans Huzur:
“Ohne jeden Zweifel hat Tanpinar versucht Huzur nach musikalischen Formen zu gestalten. Jedes Kapitel wurde wie ein »Satz«, in dem ein bestimmtes Gefühl, ein seelischer Zustand vorherrscht, konzipiert. Ohne eine besserwisserische Anmaßung zu betreiben, können wir sagen, daß der erste Teil bedrückt, der zweite fröhlich, der dritte melancholisch, der vierte sehr bedrückt ist. Tanpinar begnügt sich auch damit nicht; wie ich versuchen werde zu zeigen, legt er jedes Kapitel mit großer Sorgfalt um ein Thema an und bereichert es mit einer Reihe an Motiven. Wenn man genau hinschaut, werden das gesellschaftliche Problem, das im ersten Teil mit dem Thema Krieg vertreten ist, sowie der Ästhetizismus im zweiten und dritten Teil, im vierten Kapitel als ein Werte- konflikt zusammengeführt. Anders ausgedrückt, wirkt sich der Wertekonflikt, der zu Mümtazs Krise führt, auch auf die Struktur des Romans aus. Was Huzur Ganzheit verleiht, ist nicht zuletzt die Handhabung dieser Themen und Motive und die Annäherung der Struktur an die musikalische Form."

Poetologische Basis - das war für TANPINAR Musik:

"Am Beginn aller meiner Werke - sogar des kürzesten Gedichts - steht ein musikalisches Werk aus dem Westen oder von uns. Möglicherweise ist Musik das, was auch mich zu der wesentlichsten Erkenntnis meiner Persönlichkeit geführt hat und an Punkte, von deren Existenz wir nur beim Ankommen Kenntnis erhalten. Auch für die Komposition war Musik mein Vorbild.
Um präzise zu sein, will ich auch hinzufügen, daß bis zum 19. Jahrhundert die Literatur sich überwiegend mit den bildenden Künsten gestaltete. Nach Mitte des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit dem Einfluß Baudelaires, beginnt plötzlich die Herrschaft der Musik.
Nicht nur in der Dichtung und in der Literatur, was ein gänzlich anderes Feld ist, sogar in der Malerei und Bildhauerei ist diese Wirkung präsent. Für jedes gute oder zerstörerische Abenteuer, das die Künste dieses Jahrhunderts durchgemacht haben, ist mehr oder weniger die Musik verantwortlich."

Beethoven aber hielt er für ein Genius:

"Ein bewußtes und aufmerksames Genie wie Balzac, nimmt von einem unvergleichlichen Genius, von einem Mann, der eines Tages die Menschheit in sich vollendet findet und uns schenkt, keine Notiz, er interessiert sich für Rossini. [...] Heute fühlt sich die Hälfte der Menschheit Wagner verpflichtet, die Gesamtheit aber Beethoven. Was jedoch noch merkwürdiger ist: Diejenigen, die seinerzeit Beethoven ablehnten, taten dies im Namen dessen, was in ihm den besten Vertreter fand."

Beatrix Caner ©

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Türkische Kultur: Beethovens Einfluss auf Ahmet Hamdi Tanpinar