Fortsetzung / Postmoderne
Bilge Karasu
Die Nacht
Historische Vorbilder von einer ganzen Reihe von despotischen / faschistischen Regimen bilden im Roman Gece/ Die Nacht eine Art “Destillat” oder “Essenz”. Neben dieser literarischen Neuerung, die man als erstmalig in der türkischen Literatur definieren kann, schafft Karasu in diesem Roman eine völlig neue Sprache und eine innovative Erzählweise. Das inhaltliche Hauptgewicht liegt auf einem gesellschaftlich-politischen Thema: Die faschistoid-diktatorische Marschrichtung unserer heutigen Welt. Das ist Ausgangspunkt des Romans und Ansatzpunkt der “Handlung”. Ins Blickfeld der Leser rücken in erster Linie tiefenpsychologische Reaktionsketten, zu denen Menschen offensichtlich zu allen Zeiten und in allen Ländern der Welt neigen: Die egoistische Angst, Ansehen, Stellung und Macht - letztendlich sogar die Existenz - zu verlieren. Diese Angst kann und wird von den Machthabern beliebig manipuliert und immer wieder von Diktatoren ausgenutzt. Die Hinterfragung betrifft den Selbsterhaltungstrieb des Menschen, der eigentlicher Erschaffer einer suspekten Schöpfung/Zivilisation ist. Der Autor führt das erste Glied der Kette der Entstehung solcher Unterdrückungssysteme auf die Sprache zurück, in der sich uns Wirklichkeit erschließt: Sprache schafft Realitäten, deshalb müssen wir sie mit besonderer Sorgfalt nutzen.
Allen klassischen Regeln entgegengesetzt verlaufen in Gece vier Erzähllinien - durch vier Erzähler/Figuren gestaltet -, mal linear, mal parallel, mal umgekehrt, mal ineinandermündend, fast verwechselbar, und sie ergeben eine eigenwillige Struktur des Romans. Dem Leser erschließt sich eine bruchstückhafte Welt durch eine tastende, erkundende Sprache, die am Ende sich selbst in Frage stellt. Ob die Finsternis der Nacht und ihre "Arbeiter" Wirklichkeit, Traum, Symbol, eine Allegorie oder Thema eines entstehenden Romans sind, bleibt rätselhaft und offen, ebenso die Beschattung des Schriftstellers O., auf den Befehl seines früheren Schulkameraden N. hin. Während in einer fiktiven Stadt die Nacht wie eine alles ausfüllende Masse sich senkt und ausbreitet, ihre unheimlichen "Arbeiter" eine diffuse Angst verbreiten und an heimlichen Stellen auf Befehl ihre Todesschützenspiele spielen, werden immer mehr misshandelte und getötete Menschen dem Morgen überlassen. Die Zeit der Helligkeit wird immer kürzer, die Menschen auf der Straße werden immer gleichgültiger und eine grausige Atmosphäre breitet sich aus. Die Finsternis hat sich schließlich als System etabliert.
An einigen Ausschnitten aus diesem Roman möchte ich veranschaulichen, wie in Gece die Genesis "rückwärts", ähnlich wie bei Derrida, aufgerollt wird. Karasu demonstriert, wie ein Zeichen eingeführt und dann dessen Bedeutung als Teil der Machthierarchie gefestigt wird:
"In den Straßen gehen die Arbeiter der Nacht umher. Sie beobachten, in welche Häuser die Brote, die viereckigen oder die ovalen Brote, die langen Brote hineingehen. Jemandem, der wachsam ist, entgeht nicht, dass sie sich zwar gebärden, als würden sie nichts von Bedeutung erledigen, doch manches Mal folgendes tun: Einer von ihnen geht und macht an einer gewissen Stelle einer Tür ein Zeichen, eine kaum deutliche Markierung. Das ist etwas, was rührige Beobachter irreführen soll. In keinem der markierten Häuser wird viereckiges Brot gegessen; aber es ist kein Zeichen, das ein Hinweis darauf wäre, dass in jenem Haus Brot von dieser oder jener Form gegessen wird. Noch dazu werden die Türe so gekennzeichnet, als wäre dies ein so gut wie zufälliges Geschehen. Zumindest sieht es so aus."
Das ist ein universelles Systemprototyp, das auf die Verängstigung der Menschen, die anders sind, baut. Wie sie sich etablieren konnte, sehen wir im nächsten Schritt:
"Den Gerüchten nach soll angeblich das Brot in seiner Hand nicht viereckig gewesen sein; oder er wahr wohl nicht schwarzhaarig; oder gehinkt soll er haben... Gerede all das, natürlich. Niemand kennt die Wahrheit. Außerdem, gibt es denn eine Wahrheit, die man kennen müsste? Nicht einmal das weiß man. Was dagegen bekannt ist, was zu sehen ist, dass die Arbeiter unvermittelt an Wänden, an Ecken, aus Toren auftauchten, jenen jungen Mann aus der Menge heraustrennten, in ihre Mitte nahmen, und als sie wieder auseinandergegangen und verschwunden sind, blieb ein blutiges, undefinierbares Haufen Fleisch zurück. Nach Berichten von Augenzeugen, die ihn vor seinem Ende inmitten der Arbeiter der Nacht sahen, kann dieses Stück Fleisch nicht einmal die Hälfte jenes wohlgestalteten jungen Mannes gewesen sein. Über dieses blutige Fleisch wurden Holzspäne gestreut, trockene Blätter gelegt.
Am nächsten Morgen haben die Vorbeigehenden an der Stelle, wo der junge Mann zerstückelt wurde, im eisigen Licht des nicht hell werden wollenden Tages, auf dem Asphalt nichts als einen ins Dunkle neigende Fleck sehen können.
Inzwischen suchen die Menschen in den Gesichtern der Menschen nach geleckten Mündern, an den Händen nach Krallen. Aber die Arbeiter sind, weil sie Arbeiter der Nacht sind, tagsüber nicht auf den Straßen zu sehen. Waren die Arbeiter der Nacht früher einmal wie jedermann? Es gibt Leute, die daran glauben möchten.
Würden sie sich, wenn es dem so wäre, weniger fürchten?"
Die Angst um das eigene Leben macht aus den Menschen Marionetten - die wichtigste Voraussetzung für die Erhaltung jeder Machthierarchie:
"Manche finden es merkwürdig; manche dagegen finden darin nichts erstaunliches: Die Arbeiter der Nacht waren am Anfang lediglich eine Menge Leute, über die man erzählte, von denen man gehört hatte, die Thema von Gesprächen waren; mit der Zeit nahmen sie hier und da Gestalt an, wurden gesehen, gehört; erst sehr viel später waren sie so wirksam, dass sie alle verängstigt, geschlagen, gebrochen, getötet haben, das wurde erst in den jüngsten Tagen für jeden plötzlich zur Wirklichkeit. Obwohl von Anfang an jeder die Regung der Angst in seinem Bauch fühle, jeder..."
Die Hinterfragung wird provokant, wenn wissenschaftliche Erklärungsversuche zu Legitimierungen des Unrechts werden:
"Ärger, Angst, Unterdrückung fließen leicht ineinander über, nehmen die Gestalt des anderen an; was von Innen kommt, wirkt wie von Außen verursacht, das von Außen resultierende wirkt wie von Innen bewirkt. Alle drei sind Manifestationen des Ichs, des Gefühls der Niederlage des Ichs. Wurden die Arbeiter der Nacht immer nur aus Menschen rekrutiert, die aus dem Gefühl der Niederlage durchgedreht sind? Sind diese Arbeiter immer Menschen, die sich von ihren Kindheitstraumas nicht befreien können, die ihre Lieben nicht nach Lust und Laune in die Arme schließen können, deren Fleisch mit ihrem Fleisch nicht vereinigen können?
Es gibt Leute, die derartiges, die ähnliches sagen, diskutieren, die die innere Struktur der nahenden Wellen der Nacht analysieren."
Karasu wendet sich an den Leser, der sich seiner Verantwortung bewusst werden soll:
"Der Leser (man müsste sagen der Lesende; wie sich doch der Autor daran gewöhnt, sein Gegenüber als "Leser" zu sehen... Obwohl diesmal, "die Leser" nicht "der Leser" sein werden; es wird vielleicht ein einziger dieses Heft lesen), der Lesende, warum soll er eine derartige Unterscheidung machen? Oder, wozu soll der Autor seine subjektiven Gedanken von den anderen Teilen trennen, anstelle, dass er die verschiedenen Ebenen des Werkes sucht und plant, soweit es ihm möglich und differenzierbar erscheint? Ich habe nicht selten über solche Typen gelacht, die nach den Spuren des Autors in seinem Werk gesucht haben."
Werk und Wirklichkeit - der Anteil des Denkens und die Neigung, die Welt als eine bestimmte Ordnung zu sehen, bzw. alles nach bestimmten Denkmustern zu ordnen, kann zu trügerischen Folgerungen führen, unseren Weg ins Desaster ebnen:
"Wir müssen wohl auf die Erzeugung eines trügerischen Gefühls verzichten, das Schreiben als ein Mittel (oder Mittler) zu betrachten, das Ordnung in eine ordnungslose (besser gesagt, nach menschlichem Ermessen ausserhalb einer Ordnung befindliche) Welt bringen könnte, oder dass es bereits eine Ordnung gebracht hätte. Schreiben, sprechen, handeln, wird uns nicht an diese (von uns letztlich nur kritisierten) Abwesenheit einer Ordnung gewöhnen."
Schreiben als Irreführung - wie bei Derrida. Wie aber steht es mit der Sprache? "Jeder Gedanke trägt die Dimensionen der Schemas in die sie gepresst wurde, die der Begriffe." Sollten sie aufgebrochen werden? Was würde das bedeuten?
"Wir akzeptieren theoretisch, dass die Struktur unseres Sehens, unseres Verstandes, unseres Denkens uns zu einer Reihe Irrtümern, zu falschen Schlüssen führen können, aber genausowenig wie wir diese Irrtümer und falschen Schlüsse, aus welchen Gründen auch immer, zu erkennen bereit sind, genauso halten wir es für eine besondere Klugheit, nicht auf die Worte jener hereinzufallen, die sie uns zeigen und schildern. Wir verstehen nicht einmal, dass unserem Gegenüber, einem uns nicht ähnlichen Menschen, jene Dinge, die wir Grundwahrheiten nennen, nicht Grundwahrheiten sein müssen. Allerdings gelangen wir zu diesem theoretischen Schluss erst, wenn wir die Irrtümer, die die verschiedenen Denkstrukturen verursacht haben, ansehen."
Die Welt aber, die Dinge, existieren auch ohne menschliches Zutun. Sie zu Wörtern zu machen, zu Begriffen, die wir nach unserem Willen nutzen, ja ausnutzen, ist an sich schon eine Anmaßung. Wer wohl der erste war, der Worte gemacht hat? "Sehr wenige Menschen nur wissen, was das bedeutet. Die meisten Menschen glauben, dass diesseits der Kulisse die einzige Welt sei. Aber hinter der Kulisse halten diejenigen die Fäden allein in den Händen, die die Welt der Fädenhalter kennen."
Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Menschen - das ist die postmoderne Formel der Macht. "Es wird der Tag kommen, an dem wir werden begreifen müssen, dass wir uns vom Zauber der Worte trennen sollen." Die Entzauberung heisst, die Wörter und ihre Bedeutung zu prüfen, ihnen neue Bedeutung zu verleihen: "Vielleicht verleiht der Mensch der Sprache, je weniger er spricht - auch wenn es sonderbar klingt - vielfältigere Bedeutung."
Und schließlich gelangen wir zu der Krone der Schöpfung, zum Menschen. Ist die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, gerechtfertigt? Angesichts der Bilanz dieses Romans, sicher nicht.
"Eines der Worte, von deren Zauber wir uns entfernen müssen - eines der wichtigsten - ist das Wort "Mensch". Wir benutzen es wie einen Talisman, machen ihn zum Träger der bestmöglichen Bedeutungen. [...] Verzichten wir darauf, den Menschen auf die höchste Stufe zu stellen, ihn für wichtiger zu halten als Tiere, Pflanzen, Wasser, Berge, in der Überzeugung zu leben, dass alles für den Sklavendienst an den Menschen erschaffen worden ist. Vielleicht würden wir dann den Wert der Menschen verstehen und lernen, dass er nur zusammen mit dem Tier, der Pflanze, dem Wasser, dem Berg, dem Stein einen Sinn haben kann, haben könnte, vielleicht können wir dann erst dem Menschen gegenüber Achtung empfinden."
Und die letzte, abschliessende oder alles aufhebende Frage ist:
"Kann man, wenn man all das aufgeschrieben hat, dem Wahnsinn entgehen?"
Darauf gibt es wohl keine verbindliche Antwort.

