

Postmoderne in der türkischen Literatur
Denkerische und formale Kriterien für eine Annäherung
an Bilge Karasus und Orhan Pamuks Werke
von Beatrix Caner
Alle Rechte vorbehalten
Die Diskussion Moderne-Postmoderne ist die Diskussion über eine Krise unserer Zivilisation. Was aber ist die Moderne, was ist die Postmoderne und was ist postmoderne Literatur?
Die Moderne ist nicht eindeutig definiert. Jeder umschreibt sie so, wie es ihm passend erscheint. Die Umschreibung des Philosophen Peter Sloterdijk: Moderne ist - etwas überspitzt gesagt -, wenn wir den Sonnenaufgang sehen und ihn so nennen aber wissen, dass sich eigentlich die Erde um die Sonne dreht. Mit anderen Worten ist Moderne eine wissenschaftliche Weltbetrachtung, die die Welt von den Mythen losreisst. Postmoderne ist dem Wortsinn nach, das was nach der Moderne kommt. Auch dieser Begriff ist nicht klar definiert, vielmehr sind es Phänomene, die als Zeichen der Postmoderne gelten.
Die Krise ist nicht nur eine Frage der Betrachtung.
Der Zweite Weltkrieg war schlagender Höhepunkt der Zerstörung traditioneller Gesellschafts-
ordnungen und das nicht nur in Europa. Seit dem bescherte die Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit der Moderne eine kontinuierliche Umweltzerstörung, ökonomische Krisen, die Polarisierung politischer Systeme -, letztendlich eine unübersehbare Zerstörung der Harmonie. Der Moderne wird von Kritikern eine “Degradierung” des Menschen zugeschrieben. Folge davon: Der Mensch fühlt sich in unserem Zeitalter geistig immer weniger geborgen.
Der Zweite Weltkrieg war für viele Intellektuelle Anlass für eine radikale Neuorientierung. Die amerikanischen Künstler distanzierten sich als erste von den alten Werten, versuchten neue Kategorien in Kunst und Literatur zu schaffen. In Europa wurden der Existentialismus, der Surrealismus, die Frankfurter Schule und einige weitere, ideologisch geprägte Strömungen zu Vorreitern und Ideenlieferanten für eine - nicht immer im originären Sinne gewollten - "Umwertung der Werte".
Auf diesen Tatsachen und auf Theorien von Freud und Nietzsche basieren die Gedanken des bekannten französischen Postmoderne-Philosophen Jean-Francois Lyotard. Lyotard setzt Anfang bis Mitte der siebziger Jahre an dem Punkt an, dass eine neue Gesellschaft begründet werden muss, die sich anders legitimiert, als die bisherige, kapitalistische. Eine neue Gesellschaft muss neue Paradigmen haben (bzw. erarbeiten), die in der Ästhetik begründet sind. Lyotard formuliert Thesen, die in der Praxis der amerikanischen Protestbewegung, in der Pop-Art beispielsweise, erprobt wurden aber gescheitert sind: z.B. dass Kunst in die Lebenswelt überführt werden muss, um den Alltag zu revolutionieren. Das Ergebnis in Amerika war, dass die Rebellion gnadenlos vermarktet wurde und zur Ware verkommen ist. An diesem Punkt setzen spätere Kritiker an, wenn sie aus dieser Haltung zur Ästhetik eine "Disnaylandisierung" unserer Kultur ableiten.
Viele Denkansätze Lyotards sind richtig, aber nicht neu, so auch die Feststellung, dass Kapitalismus alles zerstört: Traditionen, Bindungen, moralische Verpflichtungen, Identitäten, usw., und reduziert sie auf ihren Tauschwert (Verkaufswert). Lyotard erkennt sehr wohl, dass diese Grenze zu durchbrechen bzw. zu überwinden sind. Die Lösung sieht Lyotard in einer ethischen Ästhetik, die die gesellschaftlichen Paradigmen neu aufstellt und die Herrschaftshierarchien nicht weiter unterstützt, sondern sie zerstört.

Ein anderer Ansatzpunkt Lyotards ist die Sprache. Hier gibt es viele Gemeinsamkeiten mit Jacques Derrida, ebenfalls Theoretiker der Postmoderne. Um nur wesentliche Punkte zu nennen: Sprache ist ein Handlungssystem, das ein rationales Wirklichkeitsmodell schafft und tradiert. Beide Denker plädieren für eine Beseitigung der überholten Sprachkommunikation zugunsten einer Bedeutungsvielfalt. Derrida rollt die Bedeutungsgeschichte der Sprache, bis in die griechische Antike zurück, auf. Auch er tritt für eine kritische Überprüfung und Änderung der Bedeutungen ein.

Sehen wir uns nun näher an, was jene Phänomene sind, an denen man postmoderne /experimentelle Literatur erkennen kann. In den experimentellen Romanen fehlt in der Regel der allwissende Erzähler, die Gesellschaftsspiegelung und die Figurenpsychologie. Die traditionellen Erzählstrukturen werden aufgehoben oder ausgehöhlt, oft auch karikiert, die Erzählung verläuft nicht mehr linear, sondern meist gleichzeitig, also synchron. Es gibt Innovationen in der Erzählweise, der Monolog und die erlebte Rede treten an die Stelle der Beschreibung und der Dialoge. Als neu gilt die sogenannte Intertextualität, wobei direkt oder indirekt auf andere Werke - z. B. von anderen Autoren - Bezug genommen wird, was in Form von Zitaten, oder in Form von Anlehnung an Texte geschieht und so eine Art Netzstruktur entsteht. Auch das Montageverfahren ist eine häufig angewendete Technik, ebenso die Verfremdung, meist in Form von Ironie. An die Stelle von Ausgewogenheit tritt die Dissonanz, aus Gegenständlichkeit wird Abstraktion, insbesondere verschwindet die Mimesis aus den Texten. Mimesis ist die Abbildung der Wirklichkeit. Sie war nicht nur in der Literatur eine Selbstverständlichkeit, sondern mehr noch in den bildenden Künsten. Mimesis, also die Abbildung der Wirklichkeit, spielt in vielen experimentellen/postmodernen Romanen eine neue Rolle, wie wir dies bei dem türkischen Autor Orhan Pamuk sehen werden.
Der experimentelle/postmoderne Roman will schockieren, befremden, wachrütteln, verweigern, verstummen und dies tut er strategisch, in dem er Kalkül und Zufall ästhetisch be- und ausnutzt.
Postmoderne entdecken kulturelle Instanzen, die in der westlichen Welt in den Hintergrund geraten waren: die Magie, die Intuition, das Fühlen - und sie stellen sie mit wissenschaftlichen Werten auf die gleiche Stufe und wollen so eine kulturelle Demokratisierung erreichen. Die Gefahren dieser Haltung scheinen sie nicht wahrzunehmen. Mehr noch als die von Charles Taylor gefürchtete "Disnaylandisierung" unserer Kultur, oder wie Adorno es ausdrückte, die Massenkultur, ist eine tiefergehende Dimension von Bedeutung. Wie Peter Sloterdijk es ausdrückte: "das Auseinanderbrechen des Wahrheitsbegriffs". Dieser Wahrheitsbegriff zählt als Grundlage der Ästhetik und der Gesellschaft, an diesem Punkt treffen Literatur und die Menschen auf- und zueinander. Dieser Wahrheitsbegriff beinhaltet das Wahre, Schöne und das Gute. "Wahrheitsbegriffe sind nicht, wie harmlose oder geistfeindliche Gemüter annehmen, die Angelegenheiten weltabgewandter Philosophen. Sie sind die ontologischen (das Seinsverständnis betreffenden) Zentralnervensysteme der Zivilisationen; sie entscheiden über die Art und Weise, wie und ob Kulturen sich in aussermenschliche Umwelten einfügen; sie bestimmen darüber, wie sich die Kulturen selbst symbolisch ordnen oder desorganisieren. Die Auslegung der Welt und die Strukturierung menschlichen Lebens sind voneinander untrennbar und über das vermittelt, was in einer Kultur als Wahrheitsfunktion in Kraft ist. Dies mag erklären, warum ein Phänomen wie das Zerbrechen eines alten Wahrheitsbegriffs als zivilisatorisches Warnzeichen aufgefasst werden kann. Die voranschreitende Desintegration der Wahrheitsfunktionen taucht alle Erfolge der Modernität ins Zwielicht des Unheimlichen; sie signalisiert, dass etwas "aus den Fugen" gerät, dass etwas nicht mehr stimmt, dass alte Passungen nicht mehr gelten, dass etwas zerfällt, was in der einen oder anderen Weise gleichwohl zusammengehalten werden müsste."
Diese Ausführung Sloterdijks möchte ich als Bedeutungsrahmen für die folgende Annäherung an die türkische Literatur verstehen, denn sie fassen jene wesentlichen Punkte postmoderner Theorien zusammen, die für eine ethisch-ästhetische Erneuerung stehen.
Konkret werden philosophische und formale Phänomene bei zwei Autoren der türkischen Literatur näher betrachtet:
Bilge Karasu und Orhan Pamuk.
Bilge Karasu war Sprachphilosoph, wie Derrida. Bei Karasu sind derridäische Ansätze bezüglich der Sprache und ihrer Funktion deutlich zu erkennen, ebenso scheint er Lyotards Gedanken über eine ethisch-ästhetische Gesellschaft bis zu einer konkreten Grenze gefolgt zu haben. Diese Grenze ist dort zu sehen, wo Lyotard als Lösung eine Zerstörung der Gesellschaft fordert und die Abschaffung der Zukunft.

Karasu zwar ist auch zerstörerisch, aber sein Paradigmenentwurf ist nicht die Vernichtung aller Werte. In seinem Roman Gece/Die Nacht, 1985 erschienen, läuft auf der unsichtbaren Leinwand die ideale Gesellschaft mit. Wohl aus diesem Unterschied heraus wehrte er sich gegen das Etikett "Postmoderne".