Ömer Seyfettin
türkische Literatur - Ömer Seyfettin

ÖMER SEYFETTIN (1884 – 1920) gilt als Begründer der türkischen Kurzgeschichte, zugleich als engagierter Vorantreiber der Spracherneuerung. Ein wahres literarisches Feuerwerk der frühen türkischen Moderne hat er zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfacht. Über 125 Erzählungen, ein vollendeter und ein unvollendeter Roman, ein Drama, zwei Tagebücher, zahlreiche Artikel und viele Gedichte zählen zu seinem Lebenswerk.
Nicht nur ein kritisches Gesellschaftsbild und seine engagierte Verpflichtung, breitangelegte aufklärerische Arbeit zu leisten, auch formale Neuerungen charakterisieren sein Wirken. Dabei ließ er gerne einen ironischen Ton in seine Werke einfließen, statt mit dem „erhobenen Zeigefinger“ zu moralisieren, und traf damit offenbar den Nerv der Zeit. Seine authentische Volksnähe – ohne trivial zu sein oder auch nur so zu wirken -, seine brennend aktuelle Themenwahl und seine offensichtliche Bemühung um die Schaffung neuer, humanerer und universal geltender Rahmenbedingungen für eine neu entstehende türkische Gesellschaft, standen im Mittelpunkt seiner Überlegungen, die er mithilfe seiner Texte zu transportieren versuchte. Wohl auch deshalb gehört er bis heute zu einem der meistgelesenen Autoren in der Türkei. Aus seinen frappanten, dynamischen Texten lernen wir die letzten Jahre der osmanischen Gesellschaft kennen - eine Welt, die dem Untergang geweiht ist. Ironie und Satire geben diesen Texten eine besondere Note, durch die sie zu einem literarischen Hochgenuss werden.

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In der Lebensgeschichte Ömer Seyfettins gab es sicherlich eine Reihe von Gegebenheiten, die ihm dazu verhalfen, ein auergewöhnlicher Schriftsteller zu werden.
Er kam 1884 in der Kleinstadt Gönen auf die Welt (der Tag seiner Geburt wird in manchen Quellen als der 28. Februar, in anderen als der 11. März angegeben) als Sohn von Ömer
Şevki Bey, der als Hauptmann der osmanischen Armee tätig war. Er war in der nahe gelegenen Stadt Balıkesir stationiert und mit Fatma Hanım verheiratet. Der Vater, ein Tscherkesse vom Stamm der Hatko, gehörte zu den sog. Nord-Tscherkessen, die ab 1862 von den Russen vertrieben wurden. Wie tausende andere tscherkessische Flüchtlinge, fand die Familie in der Türkei Aufnahme. Die tscherkessische Abstammung hat Ömer Seyfettin in seinen Schriftwerken immer wieder thematisiert, jedoch meist als eher negativ besetztes Motiv.
Als Offizier wurde der Vater oftmals an andere Standorte versetzt, sodass die Familie häufig umziehen musste. Dadurch lernte er bereits im Kindesalter den westlichen Teil Anatoliens kennen, vor allem aber die Lebensweise der dortigen Menschen, und zwar aus nächster Nähe. Er besuchte meistens die Schulen vor Ort, so auch die Mekteb-i Osmaniye in Aksaray, wo er Französisch lernte. Mit neun Jahren, also 1893, wurde er an der Militärschule in Istanbul eingeschrieben. Die Familie lebte mittlerweile ebenfalls dort. Nach Abschluss (1896) studierte er an der Militärakademie in Edirne weiter. Er kehrte, nachdem er das Studium dort beendet hatte (1900) nach Istanbul zurück, um nun an der Eliteakademie des Militärs - Mekteb-i Harbiye-i
Şahane - seine Studien fortzusetzen. Als 1903 in Makedonien ein Aufstand ausbrach, erhielt sein Jahrgang ein Abschlussdiplom ohne Prüfung und wurde somit einsatzbereit. Ömer Seyfettin hatte vorerst den Rang eines Offizieranwärters der Infanterie und wurde nach Kuşadası zur 3. Einheit des osmanischen Heeres, das eigentlich in Thessaloniki stationiert war, entsandt. Bis 1906 war er bei der Landwehrbataillon der 3. Einheit des Heeres, dann wurde er an der Gendarmerieschule in Izmir zum Ausbilder ernannt. Die Zeit in Izmir war für seine geistige Orientierung von entscheidender Bedeutung. Hier lernte er mehrere Vordenker seiner Zeit kennen, die ihn beeinflussten und lenkten, und ihn ermunterten, seine Studien in humanistischen Fächern zu vertiefen.
1909 wurde er nach Thessaloniki versetzt und nun begann er für eine - wie er es empfand: dringend notwendige - Spracherneuerung des Türkischen zu werben. Zunächst schrieb er namenlos, nach 1911 unter seinem Namen Artikel zu diesem Thema. Sein berühmter Artikel Yeni Lisan (Eine neue Sprache), der ihm große Bekanntheit beschert hat, war am 11. April 1911 in der Zeitschrift Gen
ç Kalemler (Junge Feder) noch ohne Unterschrift erschienen.
Als in Oktober 1912 der Balkankrieg ausbrach, wurde Ömer Seyfettin an die griechische Front geschickt, kurze Zeit später geriet er bei der Schlacht um Yanya in griechische Gefangenschaft. Dieses Jahr der Gefangenschaft in der Stadt Nafplio auf dem Peloponnes nutzte er zum lesen und schreiben, und legte die Grundlagen seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Anfang 1913 kehrte er in die Türkei zurück, und schon am 26. Januar nahm er an einem Aufstand gegen den Sultan teil. Danach quittierte er seinen Dienst als Offizier und bewarb sich erfolgreich als Lehrer für türkische Literatur am Kabata
ş Gymnasium in Istanbul. Diese Tätigkeit übte er bis zu seinem Tod aus.
In dieser zweiten Phase seines Lebens, von den gehassten Strukturen endlich befreit, entfaltete sich seine literarische Persönlichkeit, aber er erlebte zugleich die schwerste Zeit seines Lebens, die von materieller Knappheit und mehreren Krisen geprägt war. Auch seine gescheiterte Ehe und seine unbehandelte (bzw. nicht rechtzeitig erkannte) Zuckerkrankheit machten ihm schwer zu schaffen.
Als Autor und Vordenker einer neu entstandenen national bewussten Haltung, als Sprachreformer und als Lehrer konnte er aber dennoch einiges in Bewegung setzen - und das brachte auch Zufriedenheit und Schaffensdrang mit sich. Er leitete in diesen Jahren mehrere Zeitschriften, verfasste politische sowie gesellschaftskritische Texte, ebenso seine belletristischen Werke. In Buchform erschienen zu Lebzeiten allerdings nur einige seiner Werke, viele wurden erst posthum geordnet und publiziert. Und viele seiner Texte blieben aufgrund seines unerwarteten Ablebens (am 06. März 1920, als er aus einem Zuckerkoma nicht mehr ins Leben zurückgeholt werden konnte) leider unvollendet.

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