Türkische Literatur im Literaturca Verlag: Nermin Abadan-Unat
Türkische Literatur - Nermin Abadan-Unat, Phönix aus der Asche, Memoiren einer türkischen Akademikerin

Die weltberühmte Wissenschaftlerin Prof. Dr. Nermin Abadan-Unat (1921) ist als Soziologin und Frauenforscherin deutschen Leserinnen und Lesern seit Jahrzehnten durch ihr Engagement bekannt. Sie war eine der ersten türkischen Akademikerinnen, die sich mit der Erforschung der Migration beschäftigt haben. Für ihre kritische Haltung wurde sie mit dem Großen Bundesverdiesntkreuz ausgezeichnet.

Den spannenden Lebensweg von Nermin Abadan-Unat können ihre Anhänger nun im Phönix aus der Asche nachvollziehen und dabei auch wichtige Einblicke in die Geschichte Europas, der Türkei und der politischen Hintergründe des 20. Jahrhunderts erhalten.

Im Vorwort zu ihren Memoiren nimmt die Autorin Stellung zu politischen Entwicklungen in ihrer Heimat und in der Welt:
 

Ich wehre mich gegen diese Art von Indoktrinierung...

Ein politisches und persönliches Geleitwort

Sechs Jahre sind vergangen, nachdem ich die letzte Seite meiner Memoiren niedergeschrieben habe. Was bedeuten sechs Jahre aus historischer Perspektive? Trotz dieser kurzen Zeitspanne hat sich die Welt geradezu ungeheuerlich verändert.
Mit der geächteten Katastrophe vom "11.9." hat ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte angefangen. Nichts ist mehr wie es vorher war! Die Menschen leben seit diesem Tag in Furcht und Angst vor dem Ungewissen, das Überleben bedeutet an sich schon, ein Risiko in Kauf zu nehmen. Wer dabei das Glück hatte zu überleben, feiert seinen Geburtstag im Stillen und ohne Zukunftspläne. Viele Menschen sind ernüchtert - und einsam. Hinter der Fassade des Normalen verbergen sich Gespenster: zum Selbstmord entschlossene Terroristen, fanatische Nationalisten, vor dem Feuer der Hölle zitternde Fundamentalisten, die dennoch bis zum bitteren Ende zu gehen entschlossen sind, autonomiebesessene ethnische Führerfiguren, nur auf sich selbst bezogene, egozentrische Individuen.
Welche Werte können wir denn heute unseren Kindern noch weitergeben? Fleiß, Geduld, Ausdauer, Sparsamkeit, Ehre, Tapferkeit und Treue? Kann man heute diese Werte in einer von den Medien geschaffenen, egoistischen und virtuellen Welt noch glaubwürdig vertreten? In der Welt von gestern sprach man über persönlich erarbeitete Siege mit Bewunderung. Auch die Errungenschaften jener Gemeinschaft - Volksgruppe, Nation und Menschheit -, zu der man gehörte, verkörperten ein Ziel, wofür man große Opfer zu bringen bereit war. Da gab es Lokalpatriotismus, nationalen Stolz und universelle, humanistische Werte. Diese Werte waren unterschiedlich, doch alle hatten ihren Platz in der Gesellschaft. Jetzt ist das Schachbrett umgestoßen, die Steine suchen selbst ihren Platz... Identität? Das Schwarzweißbild hat seinen Platz einem nuancierteren Grau überlassen, das durch viele Schattenseiten ins Auge fällt. Der Postmodernismus, das Produkt rationaler Logik, hat alle lange Zeit gültig gewesenen Kriterien außer Kraft gesetzt, und kultureller Relativismus dient nun gleichzeitig als die Existenzrechtfertigung des "Anderen". Demokratie wird offenbar nur noch auf Forderungen von Mehrheiten und Minderheiten ausgerichtet. Haben dadurch die Menschenrechte mehr Gewicht erlangt? Ja, vielleicht, aber wie ist der gegenseitige Bezug? Gibt es eine Hierarchie, oder bestehen die Kulturen wie identisch hohe Säulen gleichberechtigt nebeneinander? Wo steht dabei das Recht auf die Freiheit, auf ein Gewissen? Gibt es auch Platz für das Recht zur freien Entfaltung der menschlichen Kapazitäten und Fähigkeiten? Unterscheidet man bei den Menschenrechten zwischen Mann und Frau? Sollen wir die Achtung Religionen gegenüber höher stellen als Chancengleichheit und das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung - unabhängig vom Geschlecht? Worum eigentlich geht heute der Kampf: um eine freiheitliche, demokratische, dynamische und friedliche Gesellschaftsordnung mit gleichgestellten Frauen und Männern? Oder geht es darum, eine auf unerschütterlichen Dogmen basierende, diskriminierende Gemeinschaft zu stärken, die mit der erdrückenden Macht des institutionalisierten, jenseitsorientierten Glaubens Frauen als zweitrangige Geschöpfe in der natürlichen Ordnung behandelt?
Die rasante Globalisierung macht es möglich, dass bestimmte Ereignisse in der Welt unserem Blick entzogen werden, weil multinationale Finanzmächte die Medien unter ihrer totalitären Kontrolle halten. Ob eine Million oder "nur" 500.000 Tutsis umgebracht werden, ob zwanzig Millionen Afrikaner mit AIDS infiziert sind, ob kleine Mädchen der Tradition wegen im Genitalbereich verstümmelt werden, ob Kinder unter 15 Jahren das blutige Soldatenspiel "spielen" dürfen - all dies lässt uns heute unberührt. Für die öffentliche Meinung ist das private Leben der Prominenz, die Essgewohnheiten der Hunde amerikanischer Präsidenten, die neuesten Farben der Herbstmode offenbar wichtiger. Diesen geistigen Trend kennen wir schon seit langem. Neu ist die rasante Verbreitung bestimmter belangloser Nachrichten durch das Internet, die freiwillige Banalität des Alltagslebens. Lohnt es sich heute noch mit wissenschaftlichen Methoden die Wahrheit auf irgendeinem Gebiet zu erforschen, dafür seine wertvollen Jahren zu opfern? Vielleicht - wenn es eine genügend lukrative Belohnung dafür gibt.
Die Welt von gestern bestand aus einer Fülle von Idealen, für die der Einzelne, je nach Temperament, einen Beitrag erbringen wollte. Diese Ideale waren für mich, die ich mein Land, meine Sprache und meine Identität aus freiem Willen selbst bestimmt hatte, eng verbunden mit den Zielen jenes Landes, das Mustafa Kemal Atatürk aus einer tiefen Niederlage, aus Armut und Fremdbesatzung durch den Unabhängigkeitskrieg führte und ihm ein neues Verständnis der eigenen Leistungsfähigkeit schenkte. Gewiss, das Fundament war das 500-jährige Osmanische Reich, ein alternatives Staatssystem, das Europa Furcht einflösste und zur Abwehr veranlasste. Die Osmanen wollten auf die Herausforderung des Westens Antwort geben: sie bemühten sich, durch die notwendigen Reformen jenes patrimonial gestaltete, auf militärische Überlegenheit bauende Staat zu modernisieren. Doch alle Bestrebungen scheiterten an der statischen Weltanschauung der Bürokraten, dem offenen Widerstand der Theologen und der Unwissenheit der Intellektuellen, für die die Französische Revolution und ihre geistigen Beweggründe ein Rätsel geblieben waren. Die Osmanen wollten sich am Westen orientieren, aber eben nur teilweise und meistens von externen Kräften bestimmt. Was aber Mustafa Kemal Atatürk verwirklichen wollte, war die wahre Unabhängigkeit des Landes. Gleichzeitig wollte er den Gang der Geschichte durch radikale Eingriffe in die "Zeit" ändern: Bildung, Sprache, Politik und geopolitische Lage auf den Stand der Zeit heben. Kann man ihn lediglich als einen Diktator sehen? Gewiss nicht. Dem Architekten der modernen Türkei schwebte eine soziale Ordnung vor, in der die verspäteten Reformen von gestern mit einem neuen Kulturverständnis verbunden, eine neue Gesellschaft in Gang setzten, in der Frauen alle Berufe offen standen, wo statt einer Segregation der Geschlechter ein harmonisches Zusammenleben von Frau und Mann möglich war. Dieser Traum verblasste während des Zweiten Weltkriegs und nach dem Übergang zum Mehrparteiensystem bröckelte er langsam, weil religiöse Kräfte wieder mehr Spielraum hatten. Mustafa Kemal wollte den Glauben zur Privatsache machen, seine Vorstellung vom Laizismus basierte auf der Trennung von Religion und Staat.
Das Verschmelzen der Türkei mit der Gemeinschaft der europäischen Staaten - zunächst nur militärisch als NATO-Mitglied, später durch die Migration als demographischer Faktor und schließlich durch die wirtschaftlichen und politischen Mechanismen der EU - zwangen das Land zu weitgehenden Konzessionen, die im Namen einer multikulturellen Demokratie geleistet wurden. Doch im Laufe der Jahre gewannen Traditionen, Aberglaube und die neue Macht islamischer Sekten die Oberhand. Betrachtet man all das in Verbindung mit dem neuen Konzept eines politischen Islam,  muss man davon ausgehen, dass die Fundamente der türkischen Republik ins Wanken geraten können.
Heute betonen linksorientierte Intellektuelle die Wichtigkeit der "Differenz", des "Andersseins" und verteidigen im Namen des Neoliberalismus das Recht, sich zu verschleiern, als die Ausübung eines demokratischen Rechtes. Tausende junge Mädchen und Frauen tragen wie Parteiabzeichen die letzte "Verschleierungsmode", die Haare unter einem doppelten Netz verdeckt, aber doch provokative Kleider, und vertreten mit dieser Haltung das Bild "der sittsamen, moralisch hoch stehenden Frau".  Dies ist das Rollenmodell für die heranwachsenden Generationen! Ihr Vorbild sind Ehefrauen der Regierungselite. Sie verlangen das Recht, den Verboten ihres Glaubens den Vorrang zu geben, wollen aber gleichzeitig sämtliche Rechte der Berufsausübung. Ist es aber möglich, das Gebot der tabuisierten Ungleichheit von Frau und Mann einzuhalten und gleichzeitig ein europäisches Rechtssystem als Richterin zu vertreten? Ist es möglich, das Verbot der Berührung eines Fremden (was alle Menschen, die nicht zur nahen Familie gehören, ja sind!) einzuhalten und Kranke, ohne Rücksicht auf Geschlecht, zu behandeln? Das Vorbild heute ist eine beruflich hochqualifizierte, doch in Bezug auf die Berufsausübung unmotivierte Frau, die ihren Körper als Lustobjekt begreift und die patriarchalische Männerherrschaft als selbstverständlich hinnimmt. Einer durch manche antifeministische Argumente gestärkten Ansicht nach gelten diese Frauen nicht mehr als lediglich Lust- und Konsumobjekte, sondern haben durch ihre neue Identität die wahre Freiheit erlangt und so auch ihr Seelenheil gerettet.
Dass diese Überlegungen und Interpretationen vor allem dem missionarischen Eifer der politisch-islamischen Elite Vorteile bringen, dass es sich vor allem um eine Manipulierung von Frauen handelt, durch die das öffentliche Leben nach einer Art sexueller Apartheid gestaltet wird, ist offensichtlich, doch all das wird im Namen der "Differenz" abgestritten. Ich wehre mich gegen diese Art von Indoktrinierung...
Heute hat sich die türkische Gesellschaft in zwei ungleiche Teile gespalten: ein relevanter und nicht nur in den Metropolen lebender und wirkender Teil von hochqualifizierten oder sich in der Praxis behauptenden Frauen, die nach wie vor auf dem Gebiet der Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Kunst, Verwaltung, Sport und Diplomatie das Vermächtnis von Atatürk verwirklichen... Auf der anderen Seite führen Millionen von Frauen ein passives,  ihre zweitrangige Position akzeptierendes Dasein wie ein unentrinnbares Schicksal. All dies empört mich...
Worin ich Trost finde? In der langfristigen Perspektive der Geschichte... Wir wissen, alles wird sich eines Tages ändern. Aber ich wollte meine Heimat, die unzähligen Frauen dieses Landes viel weiter und viel selbstständiger sehen. Mustafa Kemal hatte ihnen viele Türen geöffnet, heute aber ist es viel schwieriger als in der Vergangenheit, durch diese Türen in die große Welt einzutreten...
Ich will nicht mit einer nostalgischen Note schließen: Protest, Widerstand und Kraft, sich an die Welt von morgen anzupassen, gibt es bei uns mehr als man glaubt. Diese hier angestellten Überlegungen sind nichts anderes als ein Klagelied über den Verlust von etwas, was bereits vor fast einem Jahrhundert verwirklicht wurde.
         Und wo finde ich heute mein Glück? Im Zusammensein mit meinen Lieben, in der herrlichen Natur meines Landes, wo das Meer so blau, die Sonne so gelb ist und der Wind so frisch weht. Gibt es etwas Schöneres als das Aufwachsen eines Enkelkindes zu sehen, das das Versprechen des Morgens verkörpert? Und auch die Erinnerungen an eine einzigartige Liebe, der der Tod vor dreiunddreißig Jahren ein unerwartetes Ende bereitete, ist ein Trost.
Das Leben hatte mir diese schönen Geschenke bereitgestellt. 

Nermin Abadan-Unat
Çeşme, im August 2004

Tuerkische Literatur in deutscher Sprache im Literaturca Verlag - Meisterwerke der Moderne
Tuerkische Literatur im deutscher Sprache im Literaturca Verlag - Logo