Ibrahim Müteferrika

IBRAHIM MÜTEFERRIKA: Legenden um sein Leben

Sein Name wird am häufigsten mit der Gründung der „ersten osmanischen Druckerei“ in Verbindung gebracht, dabei war die Druckerei eigentlich „nur“ das handwerkliche Rüstzeug, mit dem er seine tatsächliche, aufklärerische Zielsetzung verwirklichen konnte: Die Veröffentlichung einer ganzen Reihe von Werken, die man als geistiges Grundgerüst und als Grundkanon einer in eine neue Richtung - nach Europa - aufbrechenden osmanischen Gesellschaft betrachten kann, wie dies Ahmet Hamdi Tanpınar in seinem Werk Ondokuzuncu Asır Türk Edebiyatı Tarihi konstatiert hatte. Mütferrika war in der ersten Phase der Modernisierung des Osmanischen Reiches (18. Jh.) ein Polyhistor, der 17 Grundwerke verfasst hatte.

Diese 1729 im Hause Ibrahim Müteferrikas eingerichtete Druckerei war indessen nicht die erste im Osmanischen Reich, die Betonung liegt bei der Aufzählung eindeutig auf osmanisch. Eine Hebräische Druckerei, die bereits 1493 in Istanbul seitens der aus Spanien und Portugal vertriebenen Sepharden gegründet wurde, bildete den Auftakt. Es folgte, einige Jahre später, eine zweite hebräische Druckerei in Thessaloniki, 1567 wurde eine armenische Druckerei durch Sivas´lı Apkar gegründet, 1627 richetete der griechisch-orthodoxe Priester Nicodimus Metaxas eine griechische Druckwerkstatt ein. Druckuntensilien, die 1698 durch Armenier ins Land geschmuggelt werden konnten, wurden vom Staat zerstört.

Die Druckerei im Hause Müteferrikas

         Eine Osmanische Druckerei war ausdrucklich verboten. Unter solchen Vorzeichen hatte der aus Kolozsvár (Siebenbürgen) stammende Ungar Ibrahim Paşa (1674 - 1745), eigentlich unter dem Namen IBRAHIM MÜTEFERRIKA bekannt, zusammen mit – oder besser gesagt, unter dem Schutz und mit Unterstützung - Said Efendi’s, nach einem "einsichtigen" Fetwa der Geistlichen, im Jahre 1726 die Druckerei gegründet und betrieb sie bis zum Schluss im eigenen Haus.
           Im Vorfeld dieser Druckereigründung gab es eine ganze Reihe geistiger und sachlicher Schwierigkeiten, die überwunden werden mussten. Die religiöse Führung des Landes hatte jahrhundertelang eine osmanische Druckerei abgelehnt – das war wohl die grösste Hürde. Unter Sultan Bayezid II. war ein Erlass veröffentlicht worden, der von seinem Sohn Sultan Selim I. 1515 bekräftigt worden war, der unter Androhung der Todesstrafe durch den Strang die Gründung und Betreibung einer türkischen Druckerei verboten hatte. Eben dieses Verbot konnte erst nach langen Interventionen 1726 durch ein Fetwa aufgelöst werden. Darüber hinaus stand man auch vor einem technischen Problem: Buchstaben – Druckvorlagen - in arabischer Schrift zu besorgen, mit denen man osmanische Text drucken konnte, war nicht möglich. So hatte Müteferrika eigenhändig aus importierten Rohstoffen den Entwurf und das Informgießen der Buchstaben ausgeführt. Die Druckmaschine selbst war schrankgroß.

Die Druckerei im Hause Müteferrikas

Die Nachricht von der Gründung der türkischen Druckerei verbreitete sich im Westen Europas in Windeseile. Die Reformbestrebungen Sultan Ahmed III., die kulturelle Öffnung und der Aufschwung wurden in Europa mit Interesse verfolgt und den Produkten der Druckerei sollte eine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden.
Müteferrika selbst wurde dabei zu Lebzeiten gerade von seinen Landsleuten wenig Aufmerksamkeit geschenkt und auch die Forschung über sein Leben und Wirken setzte erst sehr spät ein. So sind die Angaben über sein Leben höchst widersprüchlich, seine genaue Herkunft und seine Motivation liegen dabei beinahe völlig im Dunklen und es gibt mehrere, beeindruckende Lebenslaufvarianten.

Gesichert ist: Müteferrika war zunächst als persönlicher Botschafter Sultan Ahmed III. bereits 1715 nach Wien gesandt worden, um Verhandlungen mit Prinz Eugen zu führen. 1717 ging er nach Paris, um den dort nach Exil suchenden siebenbürgischen Fürsten Rákóczi Ferencz II. zu bitten, nach Istanbul zu ziehen. Müteferrika wurde immer wieder mit delikaten diplomatischen Aufgaben betraut. Tatsächlich folgte auch der Fürst der Einladung - zwar im Glauben, in Kürze wieder den Thron in Siebenbürgen besteigen zu können. Doch weder diese Hoffnung, noch die später einsetzende Erwartung, an einem europäischen Königshof Asyl zu erhalten, haben sich verwirklicht und Rákóczy verbrachte sein Leben in der türkischen Stadt Tekirdağ. Rákóczy war mit seinem “Hof”, mehrere Hundert Anhänger, zum Teil mit Familie, zunächst nach Istanbul gereist. Ibrahim Müteferrika trat bei den Gesprächen mit dem Sultan und den Wesiren als Dolmetscher auf. Manche Quellen bezeichnen ihn als Sekretär des Fürsten – was er zwar war, doch aus Rákóczys Tagebuchaufzeichnungen geht eindeutig hervor, dass der Fürst Müteferrika überaus verachtete, weil er im Dienste des Sultans stand und den Rang eines Sklaven hatte. (Rákóczi schien die Verdienste Müteferrikas erst kurz vor seinem Tod anerkannt zu haben, als er in einem Dankesbrief an den Sultan um Gottes Segen für ihn bittet.) Aus Aufzeichnungen aus dem Umfeld des Fürsten – konkret aus den Tagebüchern seines intimsten und treuesten Dieners Mikes Kelemen - geht sogar hervor, dass Rákóczy in Tekirdağ offenbar meist nicht persönlich mit Müteferrika sprach, sondern lediglich über seine Diener mit ihm kommunizierte. Ebenfalls aus den Aufzeichnungen aus dem Umfeld des Fürsten geht hervor, dass Müteferrika eine ganze Reihe Gefolgsleute überzeugt hatte, zum Islam überzutreten. Alle diese Renegaten erhielten am osmanischen Hof wichtige Stellungen. Vielleicht war diese Tätigkeit, die Müteferrika in den Ruf des Verräters brachte. Auf jeden Fall gibt es sowohl ungarische als auch türkische Andeutungen in diese Richtung.
Sicher scheint auch, dass Müteferrika als junger Mann bereits mehrere Sprachen beherrschte, so Latein und Griechisch, Französisch und Deutsch, lernte sehr schnell Osmanisch, Arabisch und Persisch.
Drei Biographievarianten stellt der ungarische Altaist Horváth J. József vor (in: Török Füzetek 2003/1 11—12. o. 2003/2  11—12.), die alle sehr bemerkenswert sind und in einigen Punkten Gemeinsamkeiten aufweisen.
Die erste Version ist die bekannteste. Demnach war Müteferrika ein Protestant aus Erdély, der während eines osmanischen Feldzuges in die Hände türkischer Soldaten fiel und als Sklave nach Istanbul verschleppt, dort auf dem Sklavenmarkt verkauft wurde (ca. 1693 – 94). Er soll aus ärmlichen Verhältnissen stammen und Theologiestudent gewesen sein. Er trat dort zum Islam über, lernte Türkisch, Arabisch und Persisch und forschte über seinen neuen Glauben, dann veröffentlichte er seine Ansichten in seinem Werk Risale -i Islamiye (Abhandlung über den Islam, 1705 -1711). Durch seine fundierte, humanistische Bildung und seinen Sprachkenntnissen fiel er in Istanbul schnell auf und wurde zum Kurier und Dolmetscher des Sultans berufen. Der Großwesir Damat Ibrahim Paşa freundete sich mit ihm an und er wurde mit delikaten diplomatischen Aufgaben betraut. So übernahm er die Rolle des türkischen Sekretärs für seinen Landsmann, den geflüchteten siebenbürgischen Regenten Rákóczi Ferencz II. (1676 - 1735). Jahrelang versah Ibrahim Müteferrika die Rolle des eingeweihten Vermittlers zwischen der Hohen Pforte und dem Exilregenten und durch seine Hand gingen die zahlreichen vertraulichen, wörtlichen wie schriftlichen, Dialoge über Staatsangelegenheiten der Innen- und Aussenpolitik. Müteferrika selbst gab in seinem Werk Risale-i Islamiye über sich selbst bescheiden folgende Auskunft: „Ich bin ein anspruchsloser, mittelloser Sklave, und wurde in Ungarn, in der Stadt Kolozsvár geboren.“

Der Reisebericht des berühmten Evliya Celebi wurde als einer der ersten Werke  in der Druckerei gedruckt

Der ungarische Müteferrika-Forscher Horváth betont, dass diese Version sich hartnäckig hält, obwohl keine Originalquellen als Beleg herhalten können. Als eine abweichende, zusätzliche Version zählt Horváth die Angaben de Saussures, der Müteferrika persönlich kannte und ihm sogar bei Rákóczi begegnet war, dessen Interesse aber offenbar nicht einmal so weit reichte, dass er sich nach dem Geburtsnamen des Renegaten erkundigt hätte. Auch in anderen Punkten zweifelt Horváth an der Zuverlässigkeit der Angaben Saussures, denn sogar das Todesjahr gibt dieser mit 1738 an, obwohl Müteferrika 1745 verstorben war.
Eine Analyse des türkischen Wissenschaftlers Niyazi Berkes, der den Text des Risale-i Islamiye unter die Lupe nahm, brachte neue Erkenntnisse. Demnach glaubt Berkes nicht, dass Müteferrika ein Protestant war, sondern hält ihn für einen Unitarier (Eine religiöse Gruppe, die damals in Erdély sehr verbreitet war, und der damals wie auch später Verfolgungen ausgesetzt war.), der wegen den Verfolgungen freiwillig nach Istanbul emigrierte.

Der Historiker Niyazi Berkes ist der Ansicht, dass Müteferrika ca. 1670 oder 71 geboren wurde und er in Istanbul Aufnahme in der recht grossen Gruppe der ungarischen Unitarier fand. Horváth konstatiert, dass es tatsächlich eine relativ grosse Kolonie ungarischer Unitarier in Istanbul gab und die Version Berkes’ bedenkenswert ist.
Eine dritte Version, die Horváth für am wenigsten belegbar hält, der aber die konkretesten Angaben enthält, besagt, dass Müteferrika weder Kalvinist, noch Unitarier war, sondern „Sabbatarier“ (oder Sabetayer), also zu einer Gruppe gehörte, die man als eine Art Übergang zwischen christlichem und jüdischem Glauben betrachtet und die eindeutig jüdische Bräuche hat. Immerhin würden Berichte des damaligen Wiener Botschafters angesichts dieser Version glaubwürdiger klingen, denn Dierl berichtete von Müteferrika als einem Juden. Auch Wilhelm Heinz beschrieb Müteferrika als zur Istanbuler jüdischen Gemeinde zugehörig. Allerdings – so Horváth – steht er damit in der Fachliteratur völlig allein da. Dennoch folgt Horváth dieser Spur und bestätigt, dass nach 1630 sehr viele Mitglieder der ungarischen Sabbatarier-Gruppe ins Osmanische Reich emigrierten und ihr Anführer, Simon Péchy sehr gut Türkisch konnte. Immerhin hält diese Gruppe bis heute an der Version fest, dass Müteferrika ein Mitglied ihrer Gemeinde war.
Horváth glaubt, die Frage der religiösen Zugehörigkeit Müteferrikas nicht endgültig beantworten zu können, doch sowohl im Falle, dass er Unitarier, als auch im Falle, dass er Sabbatarier gewesen sein soll, würden eine Reihe von Prinzipien eine Annäherung zum Islam erleichtern.
Was spätere schriftliche Quellen aus ungarischer und nichtungarischer Feder angeht, so hält Horváth das 1789 publizierte Werk Giambattista Toderinis, Litteratura Turchesca, für das zuverlässigste. Dieses Buch ist ein Jahr später in deutscher Sprache, 1991 in türkischer Übersetzung erschienen. Auf wissenschaftlich zuverlässige Publikationen musste man bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts warten, denn frühere Forschungen betrachteten Müteferrika beinahe ausschliesslich aus der Perspektive seiner Rolle am Exilhof Rákóczis. Zu erwähnen sind Publikationen von Kálmán Thaly, Imre Karácsony und Károly Kóos, die auch für russische (bzw. sowjetische) und türkische Forscher aus Quelle dienten und bis heute dienen. (Zumal manche in türkischer Sprache publiziert wurden.) Allerdings bleiben die ungarischen Publikationen der gleichen Autoren ausserhalb Ungarns beinahe völlig unberücksichtigt, da die meisten Forscher Ungarisch nicht beherrschen. Das einzige Buch, das vollständig Müteferrika gewidmet ist – übrigens in deutscher Sprache -, stammt aus der Feder von Aladár Simonffy: Ibrahim Müteferrika, Bahnbrecher des Buchdrucks in der Türkei. Budapest, 1944. Die türkische Übersetzung wurde 1945 in Ankara publiziert. Schliesslich ist wurden Müteferrikas Verdienste durch den ungarischen Forscher Hopp Lajos am korrektesten zusammengestellt und publiziert: Ibrahim Müteferrika a török könyvnyomtatás megalapítója (Ibrahim Müteferrika, der Begründer der türkischen Druckerei), 1974, in französischer Übersetzung in Acta Orientalia, 1975.
Aus den sehr gründlichen und interessanten Ausführungen Horváths wird deutlich, dass die nunmehr intensivere Forschung in Ungarn die Rolle Müteferrikas als Gründer der Druckerei in den Vordergrund stellt. Man kann und muss ihn aber zweifellos noch mehr als einen bedeutenden Grundsteinleger der Europäissierung der Türkei und als einen Vermittler von Wissen im europäischen Sinne sehen, als einen geistigen Leuchtturm - wie dies Ahmet Hamdi Tanpınar, die Turkologin Mastakova und der Historiker Niyazi Berkes tun. 

GRUNDLEGUNG EINER NEUEN STAATSPHILOSOPHIE

Der staatspolitisch bedeutende Begriff Nizam-i Cedid (Moderne Ordnung), der bis zum Reformzeitalter (ab 1839) auf seine Umsetzung warten musste, hält mit Ibrahim Müteferrika Einzug ins osmanische Bewusstsein, mit seinem Hauptwerk Usul-ül hikem fi nizam-ül ümem (Prinzipien der Führung des öffentlichen Lebens, Frazösisch: Traité de la tactique ou méthode artificielle pour l'ordonnance des troupes. Vienne, 1769, Übersetzung Graf Reviczky Károly Imre). Darin beschrieben: Der Entwurf einer modernen Gesellschaftsordnung, die auf einer korrekten, strengen Gesetzgebung, auf einer disziplinierten, ausgebildeten und technisch adäquat ausgestatteten Armee, insbesondere aber auf einer gottesfürchtigen Führung basiert.
Die beachtenswerte Wertung durch Ahmet Hamdi Tanpınar als "Manifest der Europäisierung", die Einschätzung der russischen Turkologin Mastakova, dass dieses Werk, dessen Geist für sich allein und in anderen Werken Jahrzehntelang weitergelebt und gewirkt hat und faktischer Wegbereiter des Reformzeitalters war, ebenso Niyazi Berkes´ Vergleich des Autors mit Newton und Locke, legen die Vermutung nahe, dass der Urheber ein überragender Denker, Stratege und Staatsmann gewesen sein musste. Die Annahme, dass Ibrahim Müteferrika - ohne seine Verdienste auch nur im Geringsten schmälern zu wollen -, aus den Werken seines Landsmannes, des Staatsmannes und Denkers Rákóczi, Inspiration erhielt, hat sich bereits nach wenigen Vergleichen erhärtet. (Eigentlich sind die meisten Werke Ibrahim Müteferrikas teilweise oder ganz, Übersetzungen aus europäischen Sprachen. Er beschäftigte sich auf diesem Wege mit den verschiedensten Wissensgebieten seiner Zeit und ebnete den Weg für den Einzug in die türkische Geisteswelt.) An dieser Stelle halte ich es für angemessen, lediglich einige wesentliche gemeinsame Punkte hervorzuheben:

  • Theokratie als Grundlage des Staates
  • strenge Gesetze und die moralische Kontrolle ihrer Einhaltung
  • eine straff und diszipliniert organisierte Armee
  • die Arten und Techniken der Kriegsführung
  • Motivierung der Soldaten
  • Frieden als Normalzustand des Landes
  • Massregelung der Ausbeuter der Landbevölkerung
  • Kritik des Absolutismus
  • Bevorzugung einer den antiken Demokratien ähnelnden Gesellschaftsordnung
  • Bewunderung des Zaren Peter II,
  • moralische Verhaltensregeln für den Herrscher

    All dies sind Angelpunkte, um die Rákóczi seine staatsphilosophischen Hauptwerke (Tractatus de potestate, auch in französischer Übersetzung: Traité de la puissance, 1732, sowie seine Réflexions sur les principes de la vie civile et la politesse d´un Chrétien, 1725), in dieser Zeit konzentrierte. Trotz, dass das Werk Müteferrikas Usul-ül hikem fi nizam-ül ümem (Prinzipien der Führung des öffentlichen Lebens) Bezüge zu osmanischen Werken ähnlicher Art hat und der Islam als Grundlage des Staates betrachtet wird, erscheint es mehr als wahrscheinlich, dass die staatsmännisch ausgereiften und sehr genau überlegten Ideen ursprünglich von Rákóczi, also jener Person stammten, die das halbe Leben mit einzigartig detaillierten Reflexionen - aus sehr nahe liegenden Gründen - darüber verbracht hat, wie ein Staat ideal zu organisieren sei und wie er verteidigt werden müsste. Zumal noch als weitere Punkte zu berücksichtigen wären, dass Rákóczi sowohl die französischen Vorbilder und die Autoren einschlägiger Thematik kannte und in seinen Werken erwähnte, als auch die antiken Denker in seinen Schriften - er verfasste diese in Latein - besprochen hatte. (Angaben: Hopp, Lajos in Rákóczis Tagebuch, Nachwort, 1979)
    Die russische Turkologin Mastakova äusserte ihre Vermutung, dass Ibrahim Müteferrika die Privatbibliothek der ungarischen Flüchtlinge benutzt haben mochte. Dies trifft mit Wahrscheinlichkeit zu, denn diese Ungarn bildeten die fortschrittliche, geistige Elite des Landes. Sie verfügten über eine gut ausgestattete Bibliothek und über eine überdurchschnittliche Bildung, unter ihnen waren auch berühmt gewordene Literaten.
    Auch die späteren, wissenschaftlichen Werke Ibrahim Müteferrikas - Übersetzungen, Adaptationen und Selbstverfasstes -, gelten für die osmanische Welt als absolute Neuerungen mit weitreichender Wirkung für das Reich. (so beurteilt ihn beispielsweise Adnan Adıvar in seinem Werk Osmanlı Türklerinde Ilim) Was aber sicher eine wichtige Rolle spielte, war die Atmosphäre der Zeit, die für alles Europäische offen zu sein schien. Der Sultan und ein Grossteil des Hofes schwärmten für europäische Kultur und umgaben sich nicht nur mit importierten Gütern, sondern hatten ausländische Freunde, Lieben sich Gärten und Häuser nach europäischem, meist französischem Vorbild bauen, und es gab auch eine Wissensdurst, die den Erfolg Müteferrikas ermöglichte.

Ein Werk Müteferrikas: Landkarte der Welt
Ein Werk Müteferrikas: Landkarte

In dieser Atmosphäre erschienen also 17 Werke, die Müteferrika entweder übersetzt hatte, oder ganz oder zum Teil selbst verfasst hatte. So gilt auch ein kartographisches Werk als überaus bedeutend, denn immerhin stellt es nicht nur die Welt dar (oder:  die damalige Vorstellung von der Welt), sondern ist vor allem der Ausdruck einer anderen Weltauffassung als die verbreitete europäische.
Es ist Ahmet Hamdi Tanpınar, der in diesem Zusammenhang bedauert, dass der Mäzen Müteferrikas, der Großwesir Damat Ibrahim Paşa, nicht den nötigen Durchhaltevermögen hatte, um all die revolutionären Ideen, die in dieser Zeit aufkamen und hätten verwirklicht werden können, zu unterstützen. Immerhin war der politische Druck der Gegner erheblich und Gegener der Modernisierungen schreckten von blutigen Aktionen nicht zurück.

Es war ebenfalls Müteferrika, der erstmalig Physik und Mathematik, aber auch - seinerzeit moderne - Philosophie einem kleineren, ausgewählten türkischen Lesepublikum näher brachte.
Die Beschreibungen Müteferrikas, wie eine „moderne“ Armee zu organisieren und auszubilden sei, dienten tatsächlich als Vorlage für die einige Jahrzehnte später verwirklichte Umstrukturierung des osmanischen Heeres. Was dabei wichtig erscheint – trotz, dass die Osmanen über ein sehr dezidiert und seinerzeit durchaus gut strukturiertes Heer verfügten –, ist die Philosophie, die laut Müteferrika hinter der Organisierung der Armee stehen sollte. Seiner Meinung nach war die Philosophie, die die Schlagkraft einer Armee begründete, und damit erklärte er auch den Erfolg, den europäische Staaten damals zu erringen begonnen haben und die Welt systematisch kolonisierten. Und genau im Fehlen einer solchen entschlossenen Philosophie sah Müteferrika die Gründe für die Kette der verlorenen Kriege der Osmanen.
Tanpınar konstatiert, dass die Bedeutung Müteferrikas nicht zuletzt darin liegt, das Selbstbewusstsein der Osmanen wenn nicht gerade erschüttert, so doch zumindest in Ansätzen verunsichert zu haben und erstmalig in der Geschichte ihre Verletzbarkeit, mehr noch ihre Besiegbarkeit „durch die Blume“ aufgezeigt zu haben. Zugleich gab er ihnen auch den Schlüssel einer neuen, gerechten Ordnung in die Hand, nämlich die Formel einer gerechten Monarchie. (Tanpınar: Ondokuzuncu Asır Türk Edebiyatı, 1988, S. 46-47)

Alle Rechte vorbehalten.

Eine Seite aus dem Werk Tarihi Hindi Garb
Eine Seite aus dem Werk Tarihi Hindi Garb
Türkische Literatur, Bücher und Autoren, Texte, Kritiken und Beiträge  im Literaturca Verlag
Türkische Literatur: Ibrahim Müteferrika