Textausschnitt aus:
Ayla Kutlu: Besessen
Nach ein Paar Tagen wirkte das leere Haus auf die Kinder noch spannender. Sie spielten jetzt ohne Furcht mit dem Arm der Pumpe. Der ziselierte Arm mit dem Schwanenrelief griff bei den ersten Pumpbewegungen nicht, doch förderte er dann irgendwoher Wasser hinauf, süßer als Honig und duftiger als Luft. Der Behälter füllte sich von neuem, quoll über und füllte die Wasserrinne. Die Fettkrautstängel um die Rinne wurden immer dicker, sie wurden allmählich rot und nahmen die Farbe von Fleisch an. Von Luftwölbungen geprägte, perlmutfarbene Muster mischten sich in das Grün der Blätter. Je höher das Fettkraut wuchs, umso mehr Samenkörner reiften heran, und es blühte unentwegt. Malven, wilde Minzen und Lavendel breiteten sich im Garten aus.
In diesen Tagen geschah es, dass sich die Stimme von Meziyet, der kleinen Tochter von Fahrünisa, einer armenischen Konvertiten, die während der Umsiedlung Vater und Mutter verloren hatte, urplötzlich veränderte. Sie begann wie eine Frau zu sprechen. Die Frauen glaubten, die Stimme zu erkennen. Beinahe sprachen sie es aus, wer das war. Fahrünisa lachte zuerst über die Art, wie ihre Tochter sprach. Aber sie konnte es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie wollte verhindern, dass andere »das ist die Stimme von der seltsamen Frau« sagten. Sie zerrte das Mädchen ins Haus, schüttelte es, versuchte es zu erschrecken:
»Mädchen, ich scheiß dich zusammen. Red' richtig! Was benimmst du dich wie eine Puffmutter?«
»Was soll schon sein, Frau Mutter. Ich red doch nur so.«
Das war eine tiefe, greise und arglistige Stimme. Fahrünisa konnte sich nicht beherrschen. Kaum Dreikäsehoch und schon macht sie sich lustig über die Mutter, glaubt die Mutter verhexen zu können… Sie verpasste dem Mädchen eine Tracht Prügel, biss ihr ins Fleisch, zog es an den Haaren. Als das Mädchen vor Schmerzen wie gelähmt stehen blieb, packte sie es am Arm und schleuderte es in die Küche. Die wacklige und modrige Küchentür wurde von außen mit einem Holzriegel verschlossen. Sie verstärkte den Riegel mit einem Stück Papier und sagte:
»Du bleibst hier bis dein Vater kommt. Du Hurenkind!«

