Türkische Literatur - Nermin Abadan-Unat, Phönix aus der Asche, Memoiren einer türkischen Akademikerin

Warum schreibt jemand seine Memoiren? Ein solches Unterfangen kann viele Gründe haben: man kann Zeuge historischer Ereignisse gewesen sein, einen früh verlorenen, nahen Verwandten den Kindern bekannt machen wollen, ein auf eigenständigen Prinzipen basierendes Persönlichkeitsmodell vorstellen, Sehnsüchte und Wünsche, Werte und Hoffnungen einer Ära dokumentieren oder aber einen harten Kampf ums Überleben schildern.

Mich selbst haben eine Reihe von Umständen dazu bewogen, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Der wichtigste Grund war, meinem Sohn, der wie ich, seinen Vater schon vor dem zehnten Lebensjahr verloren hatte, von diesem Menschen zu berichten, den Familiennamen, den er trägt, mit Sinn zu füllen und ihm die Verantwortung, zu der dieser Name verpflichtet, nahe zu bringen. Der zweite Grund war, zu veranschaulichen, warum ich das Land, auf dessen Boden ich zwar nicht geboren wurde, doch welches die Heimat meines Vaters war, ich mir bewusst als Heimat gewählt hatte. Schließlich, um von meiner Identitätssuche als Intellektuelle zu berichten.

Natürlich gibt es im Leben unzählige unverhoffte und unerklärliche Momente. Mir hat das Leben die Möglichkeit geschenkt, mein Land und meine Sprache, überdies meine Identität als Staatsbürgerin, selbst zu wählen. Als ich in sehr jungen Jahren meine diesbezügliche Entscheidung getroffen hatte, hatten mich weniger die äußeren Umstände, als vielmehr meine Ideale und Hoffnungen, die ich mir in meiner Phantasie ausgemalt hatte, geleitet. Psychologen zufolge ist das Alter um die Fünfzehn jene Phase, in der die Persönlichkeit ihre "formative Entfaltung" erfährt. Ich hatte in diesem Alter mit meiner Mutter und meiner älteren Schwester in Budapest gelebt. Meine wichtigste Sprache war damals Deutsch, daneben sprach ich französisch, englisch und ungarisch. Die Jahre meiner früheren Kindheit, die ich in Istanbul verbracht hatte, Spuren meiner Erinnerungen und meiner Beobachtungen hatten in meinem Bewusstsein ein bestimmtes Bild von der Türkei geprägt. Die Türkei, die ich mir unter diesen Umständen vorgestellt hatte, war das Land, das in der damaligen ausländischen Presse unter Titeln wie "Die Neue Türkei", "Die wieder auferstehende Türkei" oder "Die von Atatürk erschaffene Türkei" dargestellt wurde. Wer die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen nicht erlebt hat, weiß nicht, warum sich die damalige Türkei, die aus den Kulturen Europas wie ein Phönix aus der Asche wiederauferstanden war, sehr von ihrem heutigen Aussehen unterschied. Die Türkei hatte damals eine Reihe ihr aufgenötigter internationaler Verträge abgelehnt, statt dessen leistete sie Widerstand, sogar um den Preis ihrer Unabhängigkeit, zerriss den Vorhang mittelalterlicher Rückständigkeit und setzte als einziges Land eine ganze Reihe radikaler Reformen erfolgreich um. Tatsächlich, warum hatte man damals die Türkei so voller Sehnsucht und Leidenschaft, aber auch so voller Neid beobachtet? Weil Deutschland, das sich aus den unerträglichen Folgen und aus den Fängen der Sanktionen des Versailler Friedensvertrages zu befreien versuchte, sich genötigt fühlte, durch des eigenen Volkes Wille einen geistesgestörten Diktator an die Macht zu heben, der später die Welt in eine Katastrophe stürzte. Weil Ungarn, den Satz "Nem, nem soha!" (Nein, nein, niemals!) rufend, sich dem Nationalismus verschrieb, nachdem das schändliche Abkommen von St. Germain von Ungarn bevölkerte, große Landesteile unwiderruflich Rumänien und Serbien zugesprochen hatte. Weil Österreich, das unter der bitteren Niederlage litt, sich dem Vereinigungsstreben Nazideutschlands nicht widersetzen konnte und schließlich von Hitler vor vollendete Tatsachen gestellt, besetzt und dem Deutschen Reich eingegliedert wurde. Sowohl diese Länder, als auch die Gewinner des Ersten Weltkrieges versuchten zu verstehen, wie die Türkei, deren Symbol noch zehn Jahre zuvor die eigentümliche Kleidung und der Fes mit dem herunterbaumelnden Quasten waren, es in knapp zehn Jahren geschafft hatte, zu einem völlig neuen, unabhängigen Land mit nationaler Identität zu werden und seine politischen Ziele konsequent zu verfolgen. Natürlich war das junge Mädchen, im Personalausweis mit dem Namen "Nermin Suley" eingetragen, nicht in der Lage, die großen Umwälzungen zu begreifen. Dennoch brannte in ihrer Seele der Wunsch, die Schule weiter besuchen zu können und den Schlüssel der persönlichen "Unabhängigkeit" zu finden. In seiner Vorstellung wurde das Land Atatürks, in dem alle Jugendlichen, ganz gleich ob Mädchen oder Jungen, die Schule ihrer Wahl kostenlos besuchen konnten, zu einem geistigen Kompass des Lebens.

Heute, nach Vollendung von mehr als 80 Lebensjahren kann ich ruhigen Gewissens behaupten, dass "mein Kampf zwar unter harten Bedingungen verlaufen war, dass er sich dennoch gelohnt hatte, und das Land, für das ich mich entschieden hatte, mir alle Möglichkeiten bot, um Mensch zu sein und es auch zu bleiben."

 

 

Eine europäische Aristokratin: meine Mutter

 

Meine Mutter hatte die typischen Werte einer großbürgerlichen Frau aus dem 19. Jahrhundert verinnerlicht. Sie wurde 1883, in dem Jahr, als Wagner entschlief, geboren. Sie wuchs in Brussenitz auf, in der Nähe von Stettin, das heute noch in Polen liegt. Nach Abschluss der Mittelschule wurde sie auf Drängen ihrer Mutter, meiner Großmutter also, die ich nie zu sehen bekam, nach Berlin zu ihrer verheirateten Schwester geschickt. Anstatt zu studieren und abzuwarten, dass eine "angemessene Partie" für sie auftauchte, versuchte sie in den bewegten und spannungsgeladenen Jahren des Deutschen Reiches in der Hauptstadt die verschiedenen Kunstereignisse zu verfolgen. Ihr erster Mann war ein ungarischstämmiger Baron, den sie 1911 heiratete und so ließ sie sich in der Welt der Walzer, in Wien, der Hauptstadt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie nieder, die, ähnlich wie England von Königin Victoria, von Kaiser Franz-Josef sechzig Jahre lang regiert wurde. Ein Jahr später wurde meine Schwester Martha geboren, die ich trotz unserer unterschiedlichen Sprache, Religion und Nation, immer geradezu abgöttisch liebte. Der Mann meiner Mutter war einer der ersten Opfer des Ersten Weltkrieges, der nach der Ermordung des Thronfolgers der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in Bosnien-Herzegowina ausgebrochen war. Doch meine Mutter kehrte nicht in den Norden zurück. Offenbar hatte sie sich von der Atmosphäre jenes Wiens begeistern lassen, das im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts von der nationalen Vielfältigkeit in diesem untergehenden Reich über Vitalität und Dynamik verfügt hatte. Sie war sicher sehr begabt, das Schöne, Reine, Unverfälschte und Harmonische zu entdecken. Die Mode verfolgte sie weniger als eine weibliche Beschäftigung, vielmehr als eine Kunsthistorikerin, die Wert auf die Ästhetik legt. Die Geschichte hatte sie immer in ihren Bann gezogen. Die meisten Bücher, die sie las, waren Biographien. Auch ich hatte, nachdem es mir erlaubt wurde, diese Bücher mit großem Interesse  gelesen, Werke von Stephan Zweig und seiner Autorengeneration verfasst, die das von Machtkämpfen und Liebschaften erfüllte Leben von Marie-Antoinette, Maria Stuart, Fouchet, Robespierre, Heinrich VIII. und Elisabeth I. schilderten.

  Mutter hatte sich in ihren Jahren in Istanbul wenig mit mir beschäftigt. Ihre Spielsucht nahm immer mehr zu. Diese später zu hohen Schulden führende Spielsucht war es, die die Beziehung meiner Mutter und meines Vaters, die unterschiedlichen Kulturen entstammten, zunehmend belastete. Schließlich wurde sie auch zu jenem wichtigsten Faktor, der sowohl ihr, als auch mein Leben ins Unglück führte. Deshalb wollte ich mein Leben lang niemals ein Kartenspiel erlernen. Ich fragte mich immer, ob eine solche Sucht vererblich ist …

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