Erendiz Atasü: Das Lied des Meeres

Aus der Novelle „Was bleibt…“

 

Die Truppen des Zaren drangen am 14. April 1916 in Trabzon ein. Sie fanden eine verlassene Stadt vor. Wegen der seit einer Woche anhaltenden Panik war niemand in der Stadt geblieben. In aller Eile hatte jeder seine Habseligkeiten zusammengeklaubt und war mit Kind und Kegel aus Trabzon geflüchtet. Wie ein unbekanntes Unheil und ein schrecklicher Fluch fiel die Zarenarmee über die Stadt her. Die Menschen ließen Trabzon, Haus und Hof, ihre Tabakfelder und ihr gewohntes Leben zurück und flüchteten nach Giresun, Ordu oder Samsun. Fahrzeuge, Ochsenkarren, Schleppkähne verließen die Stadt und machten sich in eine ungewisse, beängstigende und sorgenvolle Zukunft auf. Die Abwanderung hatte begonnen, jene Abwanderung, die das Land der Osmanen über Jahre ins vollkommene Chaos stürzte. Das Schicksal der Massen, die den heimatlosen, hungrigen, durstigen und heruntergekommenen Truppen hinterher liefen, die die Hälfte ihrer Lieben schon unterwegs verloren hatten, hatte am Ende auch Trabzon erreicht.

Rabia Hanım hatte in Sarıkamış zwei Söhne verloren. Hüseyin war gestorben, das war sicher. Hasan wurde vermisst, sein Körper war unauffindbar. Von Hayri gab es überhaupt keine Nachricht. Rabia Hanım hielt auch ihn für tot. Die Eiseskälte, die ihr die Söhne genommen hatte, schien auch den Schmerz in ihrem Herzen darüber eingefroren zu haben, um ihn dann in ruhigeren und normaleren Zeiten von neuem auftauen zu lassen. Nachdem die Telegramme eingetroffen waren, hatte sie niemand weinen sehen ... Als hätte sie das Bluten ihres Herzens zum Stillstand gebracht. Als wäre ihre einzige Sorge, zu überleben, die in der Stadt ständig knapper werdenden Nahrungsmittel zu besorgen, etwas zu kochen  und ihren Ehemann, ihre zwei kleinen Söhne und sich selbst am Leben zu erhalten. Überleben, Hauptsache überleben...

Wo war die reiche Stadt, in der alle, ob Muslime, Armenier oder Griechen, in Eintracht zusammen gelebt hatten? Mittlerweile waren die Nächte von Angst erfüllt. Mal wurde ein muslimisches Viertel überfallen, ein anderes Mal ein armenisches Haus beschossen. Revolverknallen, Brände, die die Dunkelheit zerrissen, Hilferufe, Geschrei, das Weinen von Kindern, Beerdigungen ... Rabia Hanıms Ehejahre mit Salih Efendi, einem Beamten im Düyun-u Umumiye, war von ständiger Unruhe und Besorgnis gezeichnet. Als wäre das schöne Leben mit Hamit gestorben. »Das alles ist eine Inszenierung der Engländer. Schauen wir mal, was alles noch auf uns zukommt«, sagte ihr Vater Kırmızı Hafız und schüttelte dabei seinen rötlichen Bart. »Diese Ungläubigen geben nicht eher Ruhe, bis sie die ganze Welt in Brand gesteckt haben.« An dem Tag, als Rabia Hanım die aufgeblähten Körper der im Zaganos ermordeten Kinder sah, begriff sie endgültig, dass jede Art von Katastrophe einen jeden treffen konnte und es möglich war, dass sie ihre Kinder verlor!

 

Aus der Erzählung „Esma“

 

Der Zusammenbruch, den Esma in der letzten Nacht gehabt hatte, war vorbei, und zum Vorschein gekommen war wieder dieser geschickte, kleine Mensch, der zum Arbeiten zu ihnen gekommen war. Niemand würde glauben, dass dieses kleine, entschlossene Mädchen innerhalb von drei, vier Stunden wie ein Ballon zusammenschrumpfen könnte. Mehmet hatte Esma zur Mittagszeit bei Bekir Efendi, ihrem Vater, abgeholt und zu sich nach Hause gebracht. Schon bei Anbruch des Abends hatte Esma sich verändert ...

Esma war Bekir Efendis ältestes Kind. Sie ging in die vierte Grundschulklasse. In den Sommerferien sollte sie im Haushalt von »Onkel Mehmet« arbeiten. Mehmets Frau hatte gerade ein Kind bekommen. Sie suchte eine Hilfe im Haushalt. Mehmet fiel der Bürogehilfe Bekir Efendi ein. Bekir Efendi war keiner jener vor Gesundheit strotzenden, von Tag zu Tag dicker werdenden Büroboten, die zwischen den blassen und mageren Beamten in geflickten, mit an den Ellbogen und Kniescheiben abgetragenen, aber ordentlich gebügelten Anzügen herumliefen. Er besaß auch keinen Acker im Dorf, bezog von dort keine Wintervorräte. So konnte er auch nicht einen Teil von diesen Vorräten, wie andere, abzwacken, und ein wenig Handel damit treiben. Seine Frau hatte ein Kind nach dem anderen bekommen. Sie konnte nirgendwo im Haushalt arbeiten. Bei wem hätte sie die Kinder lassen sollen? Das Einzige, was Bekir Efendi machen konnte, war, während des Jahresurlaubes auf dem Bau als Hilfsarbeiter zu arbeiten. Er war ein schweigsamer, nachdenklicher, sorgengeplagter Mann. Es ging ihm schlecht, das war ihm deutlich anzumerken.

Als Mehmet Bekir Efendi danach fragte, ob er seine älteste Tochter bei ihm arbeiten lassen würde, sagte dieser:

»Ich werde das Kind fragen. Wenn es einverstanden ist, werde ich es bei euch vorbeibringen.«

Bekir Efendi nahm sich Esma an diesem Abend vor. Einfach, eben wie jemand, der sein Leben unter harten Umständen führt, erklärte er Esma die Lage.

»Schau, meine Tochter, uns geht es schlecht. Seit dem Sommer haben wir nichts als Melonen und Brot gegessen. Mehmet Bey ist in Ordnung. Seine Frau wahrscheinlich auch. Sie werden dir gut zu essen geben. Sie werden dir Kleider kaufen, die ich dir nicht kaufen kann. Sie werden freundlich zu dir sein. Wenn Mehmet Beys Frau auf der Arbeit ist, wirst du auf das kleine Baby aufpassen. Und den Abwasch wirst du auch machen. Solche Dinge wie Fenster putzen musst du nicht erledigen. Sie nehmen dich auch mit, wenn sie ans Meer fahren. Zwei Monate. Für zwei Monate werden sie dir zehntausend Lira zahlen. Aber du bist noch ziemlich klein, du wirst deine Mutter und deine Geschwister vermissen. Das musst du auch wissen. Willst du das?«

»Vater, ich gehe hin«, sagte Esma ohne zu zögern.

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