Ein kranker Palast

 

Abgebrannt ist längst der Palast
Ein sauberer Asphaltweg führt über seine Stelle
Ich weiß genau, ein sauberer Asphaltweg
Führt rücksichtslos über ihn
Einen roten Palastfriedhofsschatten hinterlassend.

 

»Wann kann ich einziehen?«
»Wann Sie wollen…«
Weil Tuğrul seine Augen nicht von den Augen des alten Mannes wenden konnte, nahm er weder das Haus, noch das Zimmer, in das er als Untermieter einziehen würde, richtig wahr. Er hatte nur registriert, dass aus dem Fenster ein Stückchen Meer zu sehen war, und er schmiedete bereits Pläne, seinen Arbeitstisch vor das Fenster zu stellen. Angesichts der erstaunlich niedrigen Miete versuchte er den Schweiß seiner Handflächen zu trocknen. Er hatte unzählige Häuser abgeklappert, schließlich fand er dieses eine Zimmer. Das Ergebnis der Suche war immer das Gleiche: Für die, die ihm gefallen hatten, reichte sein Geld nicht für die Miete, und die die er hätte bezahlen können, waren nicht auszuhalten. Seine ganze Kindheit und Jugend hatte er in Heimen verbracht, deshalb war dieses Haus für ihn ein Paradies, von dem er nicht zu träumen gewagt hätte. Es war ein altes, zweistöckiges Holzschlösschen. Hinten gab es einen verwilderten Garten mit einem riesigen Lindenbaum, mit Pflaumen- und Magnolienbäumen. Die lose verteilten, rostigen Gartenstühle, der kleine, moosbewachsene Springbrunnen, die verwitterte, zwischen zwei Bäume gespannte Hängematte, in dem die Bewohner sicherlich einst wohlige Stunden verbracht hatten, genügten, um den Eindruck zu erwecken, dass alle Menschen, die in diesem Haus gelebt hatten, längst gestorben waren. Im Erdgeschoss hatte man zur Küche und zum Bad vom geräumigen Flur aus Zugang. Man konnte deutlich spüren, dass im Ofen schon seit sehr langer Zeit kein Feuer mehr gebrannt hatte und die vermodert und feucht riechende Treppe, die in den ersten Stock führte, war ziemlich verfallen. Als sie nach oben gingen, ließ das laute, schaurige Knarren der alten Treppe bei Tuğrul den Gedanken aufkommen, dass es ihm nicht möglich sein würde, das Haus zu betreten oder zu verlassen, ohne dass der alte Hausbesitzer es bemerkte. Im ersten Stock gab es vier Zimmer. Offenbar wohnte der Mann im Zimmer mit der offenen Tür. Das schräg gegenüberliegende Zimmer ging auf die Straße hinaus, doch hatte man hier wahrscheinlich Aussicht aufs Meer. Vielleicht hat in diesem Zimmer nie jemand außer den Hausbesitzern gewohnt. Es war ein eigenartiges, aber schönes Haus. Alles ließ sich gut an, denn obwohl Tu
ğruls Freundin auch dabei war, hatte der Hausbesitzer keine dummen Sprüche gemacht.

Zwar strahlte er eine merkwürdige Kälte aus, aber Tuğrul hatte keinen Bedarf an netten Hausbesitzern… Als sie das Haus verließen, tat er die »weiblichen« Eingebungen seiner Freundin wie ein Kinoheld aus einem Thriller lässig ab und erstickte sie mit der Bemerkung »Wie dumm von dir« im Keim. Obwohl im bemoosten Wasserbecken der Schatten eines dunklen, grünen Kindes wartete…

Es waren beinahe neun Monate vergangen, seit er in diese Stadt gekommen war. Die letzten Prüfungen hatte er gerade hinter sich gelassen und er fühlte sich, als würde er dazu gezwungen, eine reichgedeckte Tafel zu verlassen, von der er nicht genug bekommen konnte. Es war eine sehr bewegte Zeit. Die graue, erstarrte Erinnerung an seine Jahre im Gymnasium lagen sehr weit zurück… Es war das erste Jahr an der Universität, in dem er viele aufregende Dinge erlebte, und er ließ keine Gelegenheit zum Abenteuer ungenutzt verstreichen – es war ein buntes Leben. Da er sich für alles mögliche interessierte, hatte er Freunde in den unterschiedlichsten Bereichen.

Die meiste Zeit verbrachte er mit einer Gruppe, die sich dem Schreiben widmete: Ali Fuat, Kemal, Zeynep und Candan. Neben diesen ernsthaften jungen Menschen fühlte er sich jedoch liederlich und lüstern. Er hatte in kurzer Zeit eine Menge Geliebter gehabt. Keine gehörte zu diesen Kreisen. Sie gehörten zu einer anderen Gruppe, die sich mehr für Unterhaltung interessierte und die er der Schreibgruppe nicht vorstellen mochte. Er war wie zweigeteilt. Er stillte den Hunger seiner Seele mit unterschiedlichen Menschen. Dabei fühlte er sich wegen dieses Doppellebens nicht im Geringsten schuldig. Er dachte sogar, dass diese Lebensweise der einzige Weg sei, um das Beste aus seinem Leben herauszuholen, und schmiedete Pläne, wie er diese Spaltung noch steigern könnte. Er hatte auch den Plan, in eine Wohnung umzuziehen, und er war darauf eingestellt, dieses Doppelleben ungestört weiter zu führen.

Er wollte eine Wohnung für sich haben, zumindest aber ein eigenes Zimmer. Das hatte er nun erreicht… Geduldig warteten Wände auf ihn, die vom Schatten einer Frau, die auf ihre feuchten Lippen biss, befleckt würden.
 

 

 
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