Die Blumen

 

Er stand vor einer Menschenmenge, die bestens unter Kontrolle war. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er selbst aber war nicht in der Lage, irgendjemanden anzublicken. Seine Ohren dröhnten wie eine Maschine, sein Kopf schien jeden Augenblick größer zu werden. Die Kopfschmerztabletten hatten keine Wirkung gezeigt. Am Morgen war er nur widerwillig aus dem Bett gestiegen und als er im Bad in den Spiegel schaute, ahnte er bereits, dass das ein Unheil bringender Tag für ihn werden würde. Aus dem Spiegel blickte ihn jemand an, der ihm kein wenig ähnlich war - ein abstoßendes Gesicht, das entschlossen schien, ihm den Tag zu vermiesen. Dieser merkwürdigen Figur im Spiegel begegnete er meist nach durchzechten oder schlaflosen Nächten. Seinen eigenen natürlichen Zustand würde er erst am Abend wiedererlangen.

Er hatte gerade an die Veranstaltung am nächsten Tag gedacht und sich vorgenommen, früh ins Bett zu gehen. Er wollte keinen Tee oder Kaffe trinken, die ihn am Einschlafen hindern könnten, ebenso keinen Tropfen Alkohol, als das Telefon klingelte. Es war Sacit, sein Freund. Er kündigte ihm in seinem provokativsten Tonart an, dass Ragip und seine Freunde von dem dreitägigen großen Fischfang zurückgekehrt waren und so viele Fische gefangen hätten, dass eine ganze Armee davon satt werden könnte. Er erzählte das sehr verlockend; eine Literflasche mit bestem Raki der Marke Tekirdağ? stand bereit und das Gemüsefach des Kühlschranks war voll mit Salatzutaten.

Wohl wissend, dass er eine solche Einladung eigentlich nicht ausschlagen konnte (Sacit wusste das genauso gut), sagte er dennoch ein energisches »Nein«. Denn am nächsten Tag hatte er eine Lesung in einer Schule, und er wollte vor den Schülern als »ordentlicher Mann« erscheinen. Sacit aber schwor, dass es nicht allzu spät werden würde und dass es ja nicht in ein Besäufnis ausarten müsste! Am Wochenende wäre es etwas anderes, aber in der Woche hätte er ja auch zu tun. Sacit sprach so überzeugend, dass er tatsächlich glaubte, diesmal würden sie wie anständige Menschen trinken. Unter der Bedingung, um elf Uhr nach Hause zu gehen, stimmte er also zu, mitzumachen.

Die von Sacit so köstlich gegrillten Fische und der Rakı? mit Eis überzeugten ihn dann zunehmend, doch das Richtige getan zu haben. Es wäre gewiss eine große Qual für ihn gewesen, zu einer ungewohnt frühen Stunde ins Bett zu gehen und den Schlaf erzwingen zu wollen - da würde er erst recht nicht einschlafen können. Sacit war der gleichen Ansicht. Die große Flasche Rakı? war schnell ausgetrunken, nun kamen die eiskalten Bierflaschen dran. Gegen Morgen erst ging er nach Hause. Er wusste nicht mehr, ob er die Zähne geputzt, wann er sich ausgezogen und seinen Pyjama angezogen hatte. Als er wach wurde, hat er als Erstes Sacit verflucht.

 

 
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Türkische Literatur : Die Träume eine Anderen