Weil sie glaubte, Pierre zu finden, war sie mit der Hilfe von Soldaten in einen Lastwagen gestiegen. Die Soldaten im Lastwagen hatten ihr Dinge angetan, die ihr weh taten, hatten sie übel zugerichtet und vor der Landesgrenze aus dem Wagen geradezu hinausgeworfen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie befand sich auf einer öden, menschenleeren Straße, mutterseelenallein. Aus der Ferne näherte sich ein Lastwagen. Triyandafilis blieb mitten auf der Straße stehen. Auf der Fahrt hörte sich der Fahrer ihre Geschichte aufmerksam an, dann lachte er:
»Höhö, das passiert schon mal. Ich bringe dich zu Maman und Papan …«
Er brachte sie nicht zu ihnen. Er hatte sie hereingelegt, sie in einem kleinen Dorf in einem abgelegenen Haus eingesperrt und ihr sehr schlimme Dinge angetan. Sehr sehr schlimme Dinge …
Das Mädchen begann zu weinen. Sultan merkte, dass sie eine Krise haben würde. Sie wollte ihr alte Geschichten erzählen. Ob sie ein Kätzchen wollte, oder hinausgehen, spazieren? Sie sollte die Vögel am Meer unbedingt sehen … Die Krise dauerte Stunden. Als Triyandafilis keine Kraft mehr zum Weinen hatte, schlief sie ein.
Später erzählte Triyandafilis die Geschichte zu Ende. Mit ein Paar Worten, die ihr über die Lippen kamen, Dinge, vor denen sie sich ängstigte: Ein Mann, eine Decke, das andere Klima oder der Lärm … Weil sie nicht wussten, was alles sie erzählen würde, konnten sie nicht verhindern, dass sie wieder verängstigt war. Sie versteckte sich, sie krümmte sich zusammen, sie kapselte sich ab.
Als sie die ganze Geschichte erfahren hatten, dauerte es Monate, bis das Ehepaar sie glauben konnte.
Der Mann hatte das Mädchen an eines der Dörfer „verkauft“. Dann an ein weiteres Dorf. Sie war von Hand zu Hand, von Dorf zu Dorf gewandert, hatte Tausenden Sorten von Männern ihre Begierden gestillt.
Als sie flüchten wollte, wurde sie eingefangen und geprügelt. Sie musste hungern und sie wurde wieder und wieder gezüchtigt.
Ortswechsel erfolgten dann in immer kürzeren Abständen. Dörfer und Männer schienen keine Spuren mehr zu hinterlassen. Sie hatte kein anderes Ziel, als wegzulaufen. In einem Dorf zwischen den Bergen hatte sie es geschafft. Das Dorf war von allen Seiten mit Pinienbäumen umgeben. Nachts und morgens war es sehr kalt. Von den Bergen senkte sich sehr oft ein beklemmender, weißlicher Nebel herab. Er bot ihr Versteck, aber auf der anderen Seite gab dieser Nebel auch den bösen Männern Schutz. Sie glaubte, dass jeden Moment jemand sie von hinten einholen könnte oder von vorne angreifen. Aber sie erwischten sie nicht. Sie war durch Wälder, Täler, Gärten, die voll von Obstbäumen mit abgebrochenen Ästen waren, gegangen, sie lief durch Dörfer, in deren Straßen es Feigen- und Granatapfelbäume und Weinreben gab. Trotzdem hatte sie niemandem auch nur einen Apfel gestohlen. Sie aß nur die Früchte von der Straße. Ein Mann hatte sie in sein Auto steigen lassen, um sie hierher zu bringen. Er war nicht wie die anderen, sondern wie ein Vater. Aber später verstand Triyandafilis, dass er auch ein böser Mann war. Aber immerhin, er hatte sie anderen nicht ausgeliefert. Dann war er also nicht ganz so schlimm.

Aus der Erzählung “Triyandafilis”:

 
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Türkische Literatur . Triyandafilis