DIE VIOLINE IN DEN SOMMERNÄCHTEN
Vor dem Gerede hatte ich Brahms gehört.
Viel Zeit ist seitdem vergangen, dennoch erinnere ich mich an alles, bis ins kleinste Detail.
In meinem eintönigen, ereignislosen Leben bedeutete die Musik eine Wandlung ins Außergewöhnliche. Kann ich das je vergessen?
Es war in einer bedrückenden, schwülen Sommernacht, zu einer sehr späten Stunde, als der Lärm der Autos und das ohrenzerreißende Pfeifen der Hydraulikbremsen der den Hang hinunterfahrender Laster, vollkommen verstummten, sogar das Dröhnen der Fernseher und das Brüllen der Betrunkenen waren nicht mehr zu hören. Ich war früh zu Bett gegangen, wachte aber wegen der Hitze oder wegen den Moskitos auf eine pechschwarze Dunkelheit schweißgebadet auf. Seit Jahren kam es nicht mehr vor, dass ich aus einem Albtraum - aus irgendeinem Traum - erwachte. Zugegeben, wenn ich mal die Augen in der Dunkelheit öffne, befällt mich Panik. Sie hält nicht lange an. Ohnehin verwandelt sich in letzter Zeit meine wirre Angst in Fragen: Habe ich das Gas abgedreht, die Kette an der Tür eingehängt? Oder: Habe ich vergessen, die Blumen zu gießen? Jeden Abend vor dem Schlafengehen stelle ich mir diese Fragen und ohne mich abzusichern, gehe ich nicht ins Bett. Wenn sich dieselben Fragen nach Mitternacht wiederholen, kann das nur Eines bedeuten: ich werde alt. Dieser Gedanke genügt, um mein widernatürliches Herzklopfen zu lindern. Ich werde alt, wie schön. Bald ist es soweit. Sehr häufig geschieht dies nicht, ich habe Pillen, die mir in der Nacht einen lückenlosen Schlaf verschaffen. Manchmal aber lege ich mich schon früh hin. Dann dauert es nicht lange, dass ich die Augen wieder öffne und meinem Herzklopfen lausche. Ich zähle dann meine Fragen auf und überlasse mich dem beruhigenden Gefühl, dass es bald soweit ist, schließlich fallen mir die Augen wie von selbst zu und ich versinke im Schlaf.
Ich erinnere mich nicht, dass ich bis zu dieser Nacht jemals aufgestanden wäre. In dieser Nacht aber stand ich auf. Vielleicht war die Hitze so unerträglich. Um ein wenig frische Luft zu atmen, in einer Hand die Zigarette, zum Anzünden bereit und in der anderen mein Feuerzeug, ging ich hinaus auf den Balkon. Der Wechsel vom Zimmer auf den Balkon vermochte mir zwar keine Abkühlung zu verschaffen, doch war mir die tiefe Stille, die nach dem massiven Lärm des Tages jetzt auf der Strasse herrschte, sehr kostbar. Nicht einmal die Blätter der Bäume regten sich. Der größte von den drei Bäumen im Garten glich einer stillen, dunklen Skulptur. Er reicht bereits bis zu der obersten Etage, seine Blätter stauchten sich früher schon manchmal mit meinen Balkonblumen in den Kästen. Die anderen Bäume reichten gerade erst bis zum zweiten Stockwerk. Ich konnte sie nur sehen, wenn ich mich über die Balkonbrüstung lehnte. Die Vögel, die im Geäst Zuflucht suchten, müssen schlafen oder irgendwo hingeflogen sein. Es schien außer mir kein Lebewesen auf der Welt zu existieren. Mein Feuerzeug anzuzünden, sogar tief einzuatmen, wäre in diesem Augenblick taktloses, vielleicht verächtliches Lärmen gewesen. Während ich über die Frage sinnierte, ob es noch heutzutage der Stille gegenüber Respekt zu empfinden angebracht sei, wurde die Ruhe von einem Klang durchdrungen, der unerwarteter nicht hätte sein können. Aus der Dunkelheit stiegen die ersten zarten Töne des Violinkonzertes von Brahms empor. Die Grenzen jeglicher Wirklichkeit, jeglicher Illusion schienen aufgehoben. Für einen Moment ließ mich Schauder eiskalt erstarren. Ich drückte sofort meine Augen zu. Es war vielleicht ein Schutzreflex: Ich wollte nicht erfahren, woher die Klänge kamen. In diesem Haus, in dieser Gegend, in der ich nun seit so vielen Jahren lebte, hatte ich niemals die Stimme einer Violine gehört, es sei denn aus meinem eigenen Radio. In dieser seltsamen Stunde der Nacht war es erklärlich zu glauben, dass diese Musik, die Gipfel der Weisheit und Schönheit, unmittelbar vom Himmel hinunterrieselte. Ausgerechnet Brahms. Das war ein Wunder.
Diese Symphonie ruft in meiner Phantasie jedes Mal ein Bild von unvergleichlicher Harmonie hervor, eine elegische Geschichte gesellt sich hinzu. Die ersten Noten schon schwören vor meinen Augen eine Endlosigkeit herauf. Aus dunklen Lichtreflexen entsteht ein Meer, grenzenlos, spiegelglatt und still.
© Beatrix Caner

