Elif SHAFAK: Spiegel der Stadt
»Wer war ich?«
Miguel Perreira
An einem Ende des Mittelmeeres.
»Wer war ich?«
Isak Pereira
Am anderen Ende des Mittelmeeres.
Die Stadt Avila hatte, vielleicht weil sie so hermetisch in sich abgekapselt war, ihre eigenen Kinder in kürzester Zeit aufgebraucht. Die Juden und Araber der Stadt wurden als unerwünschtes und überall wucherndes Unkraut betrachtet und einzeln herausgezupft. Mit dem Verbrennen des Unkrauts verwandelten sich die fruchtbaren Böden in Kargland, und der vom Rauch vergiftete Himmel verwandelte sich in eine schwarze, pechschwarze Kuppel. Die Stadt, die der Rache dennoch nicht genug bekommen konnte, war wie ein wild gewordener Drache; er hatte die weißen Knochen derer, die er flammenden Mundes verschluckt hatte, vor die Mauern der Stadt ausgespuckt.
Sein Vater war cholerisch. Die Zeche der verhassten Armut ließ er seine Kunden, mehr noch seine Söhne zahlen. Sein einziges Ziel war, wenigstens einen seiner Söhne studieren zu lassen, um von der Zecke Elend, die seit jeher sein Blut saugte, freizukommen. Er wusste nur nicht, auf welchen seiner Söhne sich zu verlassen ratsam wäre. Doch auch wenn er das nicht wusste, wäre selbstverständlich Alonso der letzte gewesen, den er jener glanzvollen Zukunft, die er sich in seinen kühnen Träumen ausmalte, passend erachtet hätte. Alonso hatte so gut wie nie gesprochen, er konnte nicht sprechen. Seine Stimme erinnerte weniger an eine Menschenstimme, als vielmehr an die Stimme eines Vogels. Wann immer er zu sprechen begann, flötete er in Stakkato wie eine Feldlerche, die ihrem Weibchen Liebesgesang anstimmte; ihm blieb die Puste weg, wie einer in die Falle geratenen Schwalbe, wie ein Falke vor dem Angriff auf seine Beute, stieß er markerschütternde Schreie aus, die im Ohr schmerzten. Er schämte sich seiner Stimme. Um nicht dem Spott der anderen ausgesetzt zu sein, machte er den Mund nur auf, wenn es unvermeidlich war. Viel später, in seinem siebten Lebensjahr, wurde er in den Kirchenchor aufgenommen. Dort atmete er auf, erlangte die Ruhe, nach der er sich seit langem gesehnt hatte. Wenn sein schwacher, gebrechlicher Körper sich im dämmrigen Licht der Kirche verbarg, zog seine hohe Vogelstimme die Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich, war nicht mehr Zielscheibe für Spott. Manchmal kam es sogar vor, dass er eine den anderen schwer fallende Hymne von Anfang bis Ende fehlerfrei sang und dafür Lob erntete. Wäre es nach Alonso gegangen, hätte er die Kirche nie mehr verlassen. Sein Leben lang wünschte er in diesem Asyl zu verbleiben, er hätte dort einfach so dahin gelebt, inmitten eiserner Gitterstäbe, goldener Lüster, geschnitzter Holztüren, unter den Tränen der Jungfrau Maria, den traurigen Blicken der Heiligen und den zitternden Flammen der Kerzen, zwischen riesigen Rosenkränzen, Hostien und den Schwindel auslösenden Rauchschwaden, denn obwohl er nicht taub war, war er nichthörend, obwohl er nicht stumm war, war er nichtredend, obwohl er nicht ohne Herz war, war er nichtfühlend. Endlich hatte er für sich eine Heimat gefunden. Fern von den rohen Blicken war die Kirche ein warmes Nest. In dieser Zeit also hatte er Bekanntschaft mit der Stimme gemacht.
Wie er es immer zu tun pflegte, blieb er eines Tages im hinteren Teil der Kirche zurück, bis er sich sicher war, dass die Chormitglieder alle gegangen waren, und vertrieb sich solange die Zeit. Er hatte keinen einzigen Freund. Weil er genau wusste, dass wenn er außerhalb der Kirche den Mund aufmachte, er sich der Lächerlichkeit aussetzte, machte er um die Menschen einen großen Bogen. Als er sich der riesigen, geschnitzten Holztür der Kirche zerstreut näherte, hörte er hinter sich plötzlich eine Stimme.
»Alonso... Alonso, warte einen Augenblick.«
Das Kind erschrak. Niemand war zu sehen. Er glaubte, die Jungfrau Maria hätte gesprochen, erregt bekreuzigte er sich. Dann, als er versuchte, sich still und heimlich, auf den Zehenspitzen davon zu machen, hörte er die Stimme erneut.
»Ich bin es Alonso. Ich bin ein Leben lang mit dir.«
»We... wer... wer bist du?«
»Stottere bloß nicht, Alonso. Nie wieder darfst du stottern. Schweig nicht. Schreie, so laut du nur kannst, sprich, bis du vor Müdigkeit zusammenbrichst. Hab keine Angst, denn ab jetzt werde ich aus deinem Mund sprechen. Du wirst dich deiner Stimme nicht mehr schämen Alonso. Du wirst durch deine Stimme leben.«
Sein Zittern hatte aufgehört. Er war völlig erstarrt. Nicht nur dass er keinen Schritt tun konnte, er konnte sich nicht einmal mehr regen. Dann, als hätte er einen plötzlichen Befehl empfangen, verließ er blitzschnell die Kirche. Als er draußen den scharfen Wind spürte, kam er wieder zu sich. Seine Spannung löste sich und er pinkelte in die Hose. Er war völlig allein und hoffnungslos.
[...]
Alonso Perez de Herrera bereitete sich nie auf seine Predigten vor. Wenn es Zeit dafür war, wenn der erwartete Moment gekommen war, überließ er sich jener kräftigen Stimme. Er selbst wusste deshalb nicht, worüber er sprechen würde. Das einzige, was er tat, war, sich loszulassen. Wenn die Stimme aufhörte, waren seine Augen vom Weinen gerötet, sein Körper vor Angst geschrumpft, er blickte die Menschen aus leeren Augen an, als würde er zu verstehen versuchen, was sie in diesen Zustand versetzt hatte, und jedes Mal kehrte er aufgebracht nach Hause zurück. Er achtete darauf, nach den Predigten mit niemandem auch nur ein Wort zu wechseln. Wenn er etwas sagen musste, spürte er eine unsagbare Hemmung, denn die Stimme, die jetzt seinen Mund verlassen würde, wäre nicht die gleiche, die man vorher vernommen hatte.
In der heutigen Predigt sprach die Stimme von den in letzter Zeit gehäuft aufgetretenen Missgeburten. Zuerst erzählte sie von einem Kalb, das im Dorf Botoritta mit zwei Köpfen und Schwänzen, mit sechs Beinen auf die Welt gekommen war. Weil die einfältigen Bauern nicht begriffen, dass das Kalb Zeichen ihrer Sünden war, würden sich in diesem Dorf noch viele merkwürdige Ereignisse abspielen. Dann berichtete die Stimme von einem am ganzen Körper behaarten, ungeheuerlichen Kind, das in Rioseco geboren wurde. Dieser Säugling, der sofort nach der Geburt laufen konnte, hatte statt Ohren zwei rosafarbene Hörner. Seine Füße waren wie Entenfüße, auf den Händen hatte es Krallen wie Raubvögel. Die Dörfler hatten dieses Kind, das ohne jeden Zweifel vom Teufel gezeugt wurde, sofort dem Henker übergeben. Der Henker hatte es in Stücke zerteilt und ein jedes Stück in ein anderes Feuer geworfen. Doch alle diese Feuer erloschen sofort, die übereinander gestapelten Holzstücke, das Kienholz und die Gräser halfen nichts. Schließlich hatte ein Wandermönch, den sein Weg ins Dorf geführt hatte, die Idee, an der Stelle, wohin der Schatten der Kirchenglocke um Punkt zwölf Uhr mittags fiel, einen tiefen Graben ausheben zu lassen. An den vier Ecken des Grabes wurden vier Kreuze aufgestellt und im Feuer, das dort angefacht wurde, konnte endlich die Brut des Teufels vernichtet werden.
Nachdem die Stimme von dieser fürchterlichen Sache erzählt und verkündet hatte, dass es in allen Teilen des Landes zu ähnlichen Ereignissen kommen würde, sprach sie erneut, wie so oft, von der Katastrophe, die vom Osten her drohte.
»Sie haben die grausamste, blutrünstigste Armee der Welt. Wo sie auch hingehen, töten sie alle Christen, mitsamt Frauen und Kindern. Was hatte Süleyman getan, als diese Höllenwärter vor Wien in die Flucht geschlagen wurden? Hatte er nicht, allein um das Brennen der Rache in seinem Herzen zu löschen, vierhunderttausend Christen töten lassen? Wenn dem so ist, warum sollen seine Nachfolger barmherziger, menschenfreundlicher sein? Vergesst nicht, der Kampf gegen das Übel aus dem Osten ist der Kampf gegen den Antichristen. Gut, ich frage euch! Habt ihr euch Gedanken gemacht, warum der allmächtige Gott erlaubt, dass diese Armee von Bestien vorrückt, dass sie immer stärker wird? Warum lässt er nicht Steine über sie regnen, warum lässt er nicht ihre Paläste über ihnen zusammenbrechen? Ja, Gott gestattet den Türken, dass sie vorrücken, weil die christliche Welt voller Sünde ist. Ja, die Christenheit strampelt in einem Sumpf von Sünden. Wir alle sind Sünder, ihr alle seid Sünder!«
Nach den Türken kam die Reihe an die Juden. Alonso Perez de Herrera wunderte sich über den pulsierenden Schmerz in seinem kleinen Finger, wenn die Rede auf dieses Thema kam, obwohl dazwischen so viele Jahre lagen. Still und heimlich errichteten zu solchen Zeiten Nachkommen jenes damaligen Schamgefühls, als die Stimme die verabscheuungswürdige Wahrheit ihm offenbart und das er damals erregt in sein Inneres gestampft hatte, Barrikaden in der Kuppe seines kleinen Fingers. Weil aber niemand niemanden beschuldigte, kam es zu keinem Kampf. Gut gewappnete Verteidiger jener Gefühlsregung lauerten eine Weile auf undefinierbare Gegner, schmetterten vereint Gesänge, deren Worte nicht zu verstehen waren, und traten dann wieder den Rückzug an, genauso still und heimlich. Blut floss nicht. Immerhin floss mittlerweile kein Blut. Seit jenem verfluchten Tag, an dem zum ersten und letzten Mal Blut geflossen war, ertrug Alonso Perez de Herrera die Farbe Rot nicht mehr.
[...]
Das zittrige Licht der Kerzen streichelte das Haar der Frau leise und verführerisch. Im gelben, zittrigen Licht kam der unverhüllte Liebreiz ihrer weißen Haut, ihrer Unnahbarkeit, Distinguiertheit und Souveränität voll zur Geltung. Sie zündete die tropfenden Kerzen an, deren schwerfälligem Rhythmus sich die Zeit anpasste. Ohne dass sie etwas davon merkte, beobachtete der Mann, wie das zitternde Licht das Haar der Frau streichelte, just in diesem Augenblick von einem nicht einmal vor sich selbst eingestandenen Groll erfüllt und ohne einen Ton zu sagen.
Von den Tagen war es Samstag, von den Zahlen sieben. Isabel hatte einen Tag zuvor alle Aufgaben erledigt, tadellos hatte sie alle ihre Pflichten erfüllt. Sie liebte es sowieso, Brot zu backen. Nicht weil Gott angedroht hatte, Frauen, die ihre Pflichten vernachlässigten, beim Gebären ihr Leben zu nehmen. Sie liebte es, Brot zu backen, weil der Teig, der, wie der Kopf eines Neugeborenen, weich war und zwischen ihren Fingern Gestalt annahm, weiß wie der Todesengel war, den sie als Kind kennen gelernt hatte und an den sie sich jetzt nur bruchstückhaft erinnerte, und wie die in ihren Träumen sich unablässig drehende Windrose, rund war, weil er die Farben in Farblosigkeit und die Laute in Lautlosigkeit verwandelte. Sie liebte nichts mehr als den Teig und entzückte sich daran. Sie besprach das Brot mit ihrem Namen. Und jedes Mal versuchte sie die Geschichte zu lesen, die die Buchstaben auf dem aufgehenden Brot geschrieben hatten, doch wie gut sie auch die Schriftzeichen kannte, war sie angesichts dieser für sie unverständlichen Sprache erstarrt und machtlos.
Antonio Pereira riss sich ein Haar aus dem Bart, und als er es sich unter die Nase hielt, um es aus der Nähe betrachten zu können, trafen seine Augen mit denen eines Fisches auf dem Tisch zusammen. Fischaugen flößten ihm Angst ein. Wann immer Fisch gegessen wurde, fühlte er sich von dem gewaltigen Appetit, mit dem Miguel die Köpfe der Fische in seinen Magen beförderte, gestört. Er dachte an die Augen. An die Augen, die die Tiefen der Meere erblickt haben mochten, die in einem unerwarteten Moment dem Entsetzen begegneten, wenn sich die Fische in den Netzen der dummen und waghalsigen Fischer verfingen und ihre Existenz im Magen Miguels voller Verzweiflung beendeten, womöglich nachdem sie Zeugen einzigartiger Mysterien des Universums geworden waren. An die Augen, die immer offen, die immer schutzlos blieben…
»Antonio, das wird eine lange Reise. Ich bleibe hier zurück. Ich und Andresillo. Du gehst weg.«
Antonio Pereira blickte seine Frau an, seine Frau, die er wegen ihrer Reserviertheit und Unnahbarkeit anderen Frauen gegenüber bevorzugte und die er aus dem gleichen Grund wahrscheinlich niemals als Frau betrachtet hatte, an deren ihn schmerzender Schönheit er sich nie satt sehen konnte. Plötzlich empfand er seine eigene Lage wie jene der Fische auf dem Tisch. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war, dass er den Vorhang der Meere nicht hatte heben, die Mysterien des Universums nicht hatte lösen können, bevor er im Netz gefangen wurde. Obwohl er heute Morgen noch, als er freudig vom Angebot Alonso Franco de Leons berichtete, die Hoffnung hatte, dass sich einiges würde ändern können. Schließlich war das Angebot höchst attraktiv. Er würde für eine Weile nach Italien gehen, an verschiedenen Universitäten die Vorlesungen besuchen, und nach seiner Rückkehr würde sein Ansehen gewachsen sein, und er würde das dort Gelernte den spanischen Studenten beibringen können. Während dieser Zeit würden alle seine persönlichen Ausgaben sowie jene seiner Familie von Alonso Franco de Leon beglichen, der daran glaubte, sowohl die Entwicklungen auf dem Gebiet der Medizin, als auch jene der Philosophie im Auge behalten zu müssen, und der sich verpflichtet hatte, die Mehrung der Anspannung an spanischen Universitäten, bewirkt durch fanatische Professoren, zu verhindern. Zudem hatte dieser mächtige und eigensinnige Adlige mehrfach den Wunsch geäußert, Schutzpatron aller noch zu schreibenden Bücher von Antonio Pereira sein zu wollen.
»Warum Isabel? Warum ist meine Welt dir so fern? Warum gehst du allen mich betreffenden Dingen so beharrlich aus dem Weg? Du… nimmst nie an den Empfängen teil, du meidest sogar meine Kollegen. Manchmal denke ich, dass du dich so verhältst, um mich zu verletzen.«
Antonio Pereira wurde von der eigenen Stimme so verstört, dass er seine Rede nicht zu Ende bringen konnte. Er stieß noch ein, zwei an Schluckauf erinnernde Laute aus und schwieg dann mit hängendem Kopf endgültig. Er spürte die Blicke der Fische auf sich ruhen. Er war am Er-stic-ken.
»Ich will von dir nur eine einzige Sache«, sagte Isabel, als sie endlich ihr Schweigen brach. Sie war überaus sanft und bedacht, als würde sie mit einem kleinen Kind sprechen. »Wie ich sehe, wirst du lange Zeit nicht hier sein. Deshalb möchte ich die Alte zu mir holen.«
Antonio Pereira schaute seine Frau erstaunt an.
»Ich dachte, dieses Thema hätten wir längst abgeschlossen.«
»Das war dein Wunschdenken«, entgegnete Isabel. »Ich kann die Alte nicht aufgeben. Das weißt du.«
»Und du weißt, dass das gefährlich ist. In solchen Zeiten… Du kennst das Leben draußen nicht, Isabel. Du weißt nicht, dass die Menschen aus winzigen, fadenscheinigen Gründen verurteilt werden. Jemand wie die Alte bringt uns nur in Gefahr.«
»Was kümmert mich das«, sagte Isabel. »Ich habe Sehnsucht nach ihr. Ich weiß, dass ihr beide nicht miteinander auskommt. Aber ich glaube nicht, dass etwas dagegen einzuwenden ist, wenn sie während deiner Abwesenheit hier ist. Ich brauche die Alte. Sag nur Antonio, kennst du das Gefühl, jemanden zu brauchen?«
Antonio Pereira wirkte verzweifelt.
»Wie du willst«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich schicke morgen jemanden hin, um sie abzuholen.«
»Bitte, tue das nicht«, sagte Isabel. »Schick du nur eine Nachricht. Sie wird schon kommen, wann und auf welchem Wege sie es für richtig hält.«

