© Beatrix Caner
Beginnend mit der Seite 24 folgt eine lange Rückblende in die Vergangenheit Mümtaz’ (hauptfigur des Romans). Diese Rückblende ist auf der Ebene individueller Zeit die wichtigste, denn sie erhellt Mümtaz’ künftige Verhaltensweisen. Der wichtigste Abschnitt betrifft seine Verwaisung, die Flucht aus der Stadt S. (Sinop), seine Zeit in A. (Antalya), und ganz besonders bedeutungsvoll, die dort erfahrene Prägung seiner seelischen Disposition. Aber diese Episoden übersteigen die individuellen Grenzen, denn sie schildern konkrete historische Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Kindes, nämlich die Besetzung der Stadt Sinop während des Ersten Weltkrieges:
„Mümtaz’ Vater wurde in der Nacht der Eroberung der Stadt S... anstelle des Hausbesitzers vom einem ihm feindlich gesinnten Griechen ermordet. Es war kurz vor dem Fall der Stadt. Etliche Familien hatten die Stadt zuvor bereits verlassen. Der glücklose Mann hatte auch schon für jene Nacht ein Fahrzeug organisiert, mit dem er seine Frau und sein Kind aus der Stadt bringen wollte. Er hatte alles geregelt, alles war vorbereitet. […] In diesem Moment klopfte es an der Tür. Die Dienerin sagte, dass jemand den Hausherrn an der Tür erwartete. Sein Vater eilte in der Annahme hin, es gäbe eine Nachricht die Lastkarre betreffend, die er den ganzen Tag aufzutreiben sich bemüht hatte. Dann nur noch der Laut einer Schusswaffe, ein einziger, trockener, ja sogar ohne Widerhall. Und der große Mann schleppte sich noch, seine Hand auf dem Bauch, zu ihnen hoch und fiel in der Nische auf den Boden. All das hatte nicht einmal fünf Minuten gedauert.“
Die persönliche Zeit wird von der historischen Zeit durchdrungen, denn gleichzeitig beginnt der Angriff auf die Stadt, die Menschen fliehen ins Landesinnere:
„Im Licht dieser zwei Lampen wurden die Schatten größer und kleiner, zwischen die Kanonenstimmen und die Geräusche der Schaufel mischte sich das Weinen seiner Mutter. Zuletzt wurde der Himmel plötzlich rot. Diese Röte kam aus der Richtung des Hauses. Die Stadt brannte, so weit das Auge reichte. In Wirk-
lichkeit hatte der Brand vor einer Stunde begonnen. Die Menschen im Garten arbeiteten jetzt unter einem flammenroten Himmel. Einen Augenblick später begannen einzelne Granatensplitter im Garten niederzugehen. Dann riss in der Stadt ein lautes Dröhnen los, lauter als das ihre Dämme niederreißender Flüsse. Das war eine Apokalypse aus allerlei Stimmengewirr. Ein Mann sprang über den Gartenzaun. »Sie kommen in die Stadt«, schrie er. Dann blieben alle auf einmal stehen. Aber seine Mutter kam hinunter, sie flehte sie an. Mehr konnte Mümtaz nicht verkraften, seine Hand an der Eisenstange des Gartentors erlahmte plötzlich und er fiel zu Boden. […] Als er erwachte, fand er sich von dem Gebüsch entfernt. Seine Mutter fragte ihn: »Wirst du laufen können?« Mümtaz blickte verwirrt um sich; ohne etwas verstanden zu haben, sagte er: »Ich laufe.« Von ihm wurde erwartet, dass er liefe. Also würde er auch laufen.
Mümtaz konnte sich an diese Reise beim besten Willen nicht vollständig erinnern. Von welchem Hügel aus hatten sie das Brennen der Stadt gesehen? Auf welcher breiten Straße stießen sie zu jener Karawane aus Hunderten seltsamen, verzweifelten, desolaten Menschen? Wer hatte sie gegen Morgen auf jenen gefederten Wagen gehoben, ihn selbst neben den Kutscher gesetzt? Das waren Fragen, die ohne Antwort blieben.
In seiner Erinnerung gab es einige Imaginationen, die ihre Fortsetzung nicht fanden. Eine davon war, dass seine Mutter sich sofort verändert hatte, als sie sich auf den Weg gemacht hatten. Sie war nicht mehr die Frau, die über ihren toten Mann weinte und klagte. Sie war die Frau, die sich auf den Weg gemacht hatte, sich und ihren Sohn zu retten. Still und leise tat sie, was die Anführer der Kolonne sagten.“
In diesem Abschnitt kann die angedeutete historische Zeit nicht wertfrei sein, denn sie markiert das Ende des Osmanischen Reiches mit allen Arten von katastrophalen Folgen, die der Autor persönlich erlebt hatte und die in der Zeit der Republik neu gewertet werden mussten. Durch die Schilderung der Tragödie des kleinen Jungen, der Vater und Elternhaus – aber eigentlich auch in allen Sinnvariationen die Heimat - verliert, erhält diese Szene die für das Verständnis angebrachte, menschliche Dimension. Aber Tanpınar hält sich trotz der historisch vorgegebenen Wertungsschemas von jeder Wertung zurück, sogar das Wort „Feind“ taucht nicht direkt, nur adjektivisch, im persönlichen und nicht im nationalen Kontext auf, nämlich: „ein dem Hausbesitzer feindlich gesinnter Grieche“ soll der Mörder sein.
In der Fortsetzung der Rückblende aus dem gleichen Zeitabschnitt wird ein weiteres Schlüsselerlebnis Mümtaz’ dargestellt: die erste sexuelle Regung des Jungen, der auf der Flucht, in einem Han (Karawanenserai) neben einem jungen Mädchen schläft. Aus der Verbindung dieser beiden, einander entgegengesetzten emotionalen Erfahrungen – der schmerzliche Schock über den Tod des Vaters und die angenehme Regung neben dem Frauenkörper - ergibt sich eine besondere seelische Disposition Mümtaz’, was ihn sein Leben lang begleiten und auch seine spätere Einstellung zur Liebe determinieren wird:
„Die Gegend war gellend gelb und außer dem Lärmen der Kutsche, der Stimme eines dreijährigen, weinenden Mädchens darin, gab es keinen anderen Ton, er selbst war neben dem Kutscher, hinter ihm das ihn bis in den Morgen umar-
mende, in seinem verschlossenen Körper ein ungekanntes Verlangen anfachende junge Mädchen und diesem genau gegenüber seine Mutter, von der er nicht wusste, was sie hatte und was aus ihr werden würde.
Plötzlich sah er seinen Vater leibhaftig vor sich und diese Illusion erinnerte ihn mit jenem scharfen und unüberwindbaren Schmerzen, einen Menschen nie wieder zu sehen, seine Stimme nie mehr zu hören, ihm nie mehr lebendig begegnen zu können, daran, dass auch er seinen Vater nie wieder würde sehen können und von ihm bis in alle Ewigkeit getrennt sein würde.
Gerade in diesem Moment hatte das Bauernmädchen, vielleicht weil sie sein Unwohlsein bemerkte, ihn festgehalten, damit er nicht umkippte. So geschah es, dass sich die unheimlichen Gefühle der Vornacht mit dem Tod seines Vaters erneut und unauflöslich verbanden. In ihm war das Gefühl, eine große Sünde begangen zu haben; er hielt sich für Dinge schuldig, von denen er keine Ahnung hatte. Wenn sie ihn in jenem Augenblick gefragt hätten, hätte er geantwortet, dass er am Tode seines Vaters schuldig sei. Das war ein beängstigendes Gefühl. Er fühlte sich außerordentlich elend. Dieser abstruse Seelenzustand wird Mümtaz noch Jahre begleiten, ihn bei jedem seiner Schritte behindern. Während der Zeit seiner Jugend sogar würde Mümtaz in diesen Gefühlen verharren. Halluzinationen, die einen Teil seiner Träume füllten, seine abwegigen Befürchtungen, seine Ängste, eine Reihe seelischer Zustände, die Reichtum und Pein seines Lebens ausmachten, waren allesamt Folgen dieses janusköpfigen Zusammentreffens.“
Die zeitliche Rückblende in die prägende Phase der Kindheit Mümtaz’ wird zugleich auf die Wochen in Antalya ausgeweitet. Auch hier ist der Krieg noch präsent, sowohl in Form von Flüchtlingen, Elend und Krankheiten, als auch in Form von fremden Soldaten (Italiener), die die Stadt kontrollieren. In diesen Abschnitt (Teil IV., Kapitel I.) der Rückblende fließen sehr viele autobiographische Daten ein, die wir aus den eingangs (bei der Biographie Tanpınars) genannten Briefen des Autors kennen. Der Tod der Mutter, ihre Beerdigung und Mümtaz’ Übersiedlung nach Istanbul werden ohne Unterbrechung erzählt. Anschließend wird die Ankunft Mümtaz’ in Istanbul und das Kennenlernen Ihsans beschrieben. In wenigen Worten werden weitere, interessante reale Zeitinformationen gegeben:
„In Istanbul empfingen ihn seine Großtante und Ihsan. Ihsan war aus seiner Gefangenschaft in Ägypten gerade zurückgekehrt. Sein Gesundheitszustand hinderte ihn daran, nach Anatolien zu gehen.“
Die kurze Anspielung auf die Gefangenschaft Ihsans in Ägypten ist ebenso der Realität der Zeit entnommen, wie der türkische Widerstandskampf gegen die Besetzung Anatoliens. Zwar war sicher nicht Tanpınar selbst von einem solchen Gefangenenschicksal betroffen, aber es sind Fälle aus der Geschichte bekannt, dass Türken in Ägypten als Sklaven gefangen gehalten wurden. Auch das Osmanische Reich selbst behielt das System der Sklaverei bis zum Ende seiner Existenz teilweise bei. Für den Verlauf des Romans haben diese Hinweise gleich mehrere Bedeutungen: Durch die Gefangenschaft wurde Ihsans Gesundheit geschwächt. Obwohl dieser gesundheitliche Anschlag bereits 25 Jahre zurückliegt, wirkt es sich sicher auf seinen heutigen Zustand aus. So kann dieser Hinweis auf einen Teil der Wurzeln heutiger Krankheiten sein. Seinerzeit wiederum war dies eine konkrete Hindernis, weshalb Ihsan am Befreiungskampf der Türkei persönlich nicht teilnehmen konnte. Stattdessen arbeitete er in Istanbul in einer geheimen Organisation. Dieser Hinweis ist wichtig, weil Ihsan stets politische Diskussionen über die Zukunft der Türkei führt und seinen Studenten Ratschläge gibt, wie sie sich verhalten müssten, um das Land zu verbessern. Ohne diese Rechtfertigung, dass er den Befreiungskampf auf andere Weise unterstützte, würde Ihsan in einem ungünstigen, unglaubwürdigen Licht erscheinen.
Im folgenden Teil der Rückblende werden in erster Linie Ihsan und seine Umwelt beschrieben sowie die Wirkung dieser Menschen auf Mümtaz. Auch dieser Teil ist autobiographisch gefärbt und ist eine Schöpfung aus der Beziehung Tanpınars zu dem Dichter Yahya Kemal, der auf ihn einen ähnlichen Einfluss hatte.
Diese hier geschilderte und erklärte zeitliche Rückblende geht von der Seite 25 bis zur Seite 48 und spielt im Roman eine fundamentale Rolle, ohne die die Ereignisse in den folgenden Teilen nicht verständlich wären, oder anders gedeutet werden könnten.
Eine weitere, aufschlussreiche Rückblende im Kapitel I. beginnt, als Mümtaz den großen Basar besucht. Die hier dargestellten „Zeitkrümel“ sind fiktiv ausgemalte Szenen historischer Begebenheiten, die Mümtaz sich vorstellt, als er die Haufen alter Gegenstände in verschiedenen Teilen des Basars sieht, die wohl alle eine Geschichte haben, individuell, aber auch gesamtgesellschaftlich, wenn man sie als Mosaiksteine zusammenfügt. Diese Rückblende ist wie eine Kette aus mehreren Gliedern in den Fluss der Rahmenerzählung eingearbeitet und hat ebenfalls mehrere Funktionen. Hier wird die Geschichte der berühmten Vorfahren Nurans erzählt, insbesondere die tragische Liebesgeschichte ihres Großvaters, die mit einem von ihm komponierten Musikstück (Mahur Beste) in Zusammenhang gebracht wird und die im Kapitel III. den vollen Sinn entfaltet. Zugleich wird hier in mehreren Episoden der Verfall der althergebrachten Kultur angedeutet, da alte, auch im immateriellen Sinn wertvolle Gegenstände hier landen und vergeuden, weil zum einen ihre alten Besitzer verarmen und zum zweiten, weil die neue Gesellschaft ihre Identifikation lieber in billigen Massenwaren aus dem Westen zu finden glaubt, als in diesen alten, herkömmlichen Gegenständen einer untergegangenen, sicher auch oft verpönten Kultur. Diese Rückblende ist sehr differenziert aufgebaut und ist zugleich emotional geladen. Sie wird durch eine wertende Szene eingeleitet:
„Zwei schwer nachzuahmende Antagonismen des Lebens, deren Verbindung nicht möglich war, ohne unsere Haut zu verschmieren und sich in uns einzunisten, trafen hier aufeinander. Wahre Armut und wirklicher Luxus, oder was davon übrig blieb... Auf Schritt und Tritt traf man Seite an Seite auf verjährte Krümel ausgedienten Geschmacks sowie auf letzte große und alte Traditions-
brocken, von denen nicht zu erfahren war, wann, wo und ob sie ihre Fortsetzung fanden. Das alte Istanbul, das geheime Anatolien, ja sogar das vergangene Imperium samt den letzten Gerümpel leuchteten oft in einem dieser winzigen, ineinander verkeilten Läden in der verblüffendsten Gestalt und unvermittelt auf. Kleidung aus alten Zeiten, die sich von Ort zu Ort, von Sippe zu Sippe, von Ära zu Ära wandelten, neben Teppichen und Kelims, deren Herstellungsort man trotz Nennung vergaß, ihre Farben und Motive aber tagelang in der Erinnerung blieben, ein Haufen Kunstgegenstände, von byzantinischen Ikonen bis hin zu alten, beschrifteten Schildern, Stickereien, Ornamente, Juwelen von vor ein zwei Generationen, die wer weiß welch ehemaliger Schönheit Hals oder Arm schmückten, konnten ihn mit dem Charme entlegener Zeiten und der Mysterien, die ihrem Wesen in dieser feuchten und dämmerigen Welt zugefügt wurden, stundenlang fesseln. Das war nicht der alte Orient, aber der neue war es auch nicht. Vielleicht war es das unzeitige Leben, das seine Substanz verändert hatte.“

