Sommerregen

   Verwundert erblickte er die junge Frau im strömenden Regen, als er durch das Gartentor trat. Ihre Hand lag auf der mitten im Garten ausgedörrten Palme, als würde sie sie streicheln, in ihrem Gesicht spielte ein verträumtes, glückliches Lächeln.
   'Das wird wohl eine andere Spezies sein... was meinst du lieber Hacivat?´ schmunzelte er. Hacivat antwortete arrogant. 'Was kümmern mich die Verrückten. Mich gelüstet es nach klugen Geschöpfen, wie Karagöz!'
   Es war seine Gewohnheit seit der Kindheit, mit Karagöz und Hacivat Zwiegespräche zu führen. Während einer langen Erkrankung wurde er mit den beiden so vertraut, dass sie ihm trotz der inzwi-
schen vergangenen dreißig Jahre als ein untrennbarer Teil seiner Persönlichkeit erschienen. Die Frau war in Gedanken versunken. Weder Sabris laute Frage an Hacivat, noch seine Schritte hatte sie gehört. Sie bemerkte ihn erst, als er ganz nahe kam. Sie zog ihre Hand vom Baum zurück. Der erschrockene Ausdruck auf frischer Tat ertappter Kinder tauchte für einen Augenblick in ihrem Gesicht auf, doch als sie Sabri lachen sah, kehrte das alte Lächeln wieder zurück. Mit einem kleinen Menuetteschritt drehte sie sich um die eigene Achse und begrüßte ihn, den Rockzipfel mit beiden Händen hochgehalten.

* * * * * * * * * * * * * * *

   »Haben auch Sie sich erinnert?«
   Ihr Gesicht entspannte sich wieder.
   »Nein, sagte sie. Ich war sehr klein, es gab nichts, woran ich mich hätte erinnern können. Ich hörte nur zu. Alles, was sie erzählten, hat sich in mir jedes Mal verwickelt. Plötzlich wurde ich dann traurig.«
Sie schloss ihre Augen.
   »Es gibt Gewässer, die fließen abends langsamer. Weil sie alles in sich aufnehmen. Den ganzen Tag angereichert mit dem, was andere erlebten, so war ich...«
Sabri stellte sie sich als kleines Mädchen vor, wie sie das Gesicht auf die Hände gestützt zu Füßen der Mutter auf dem Boden hockte und von dem Ein und Aus in einer Welt vergangener Dinge durch einen Haufen Wörter ermüdete. Ein Mensch, von dessen Existenz er vor einer Stunde nicht einmal wusste, trat in sein Leben, besetzte seine Fantasie.
   »Warum konnten Sie heute Nacht nicht schlafen?«
Sie machte eine halbherzige, ungeschickte Bewegung mit der Hand, die ihr sicher aus der Kindheit verblieben war.
»Wegen der Träume..., sagte sie. Aber das war mein Fehler. Ich habe das irgendwann mal gehört. In einem Haus, in dem man zum ersten Mal schläft, sollte man ein Stück gestohlenes Brot unter das Kopfkissen legen, um seherische Träume zu haben. Gestern habe ich mich, ich weiß auch nicht warum, daran erinnert.« (...)

   Durch den Dickicht des Regengeprassels glaubte Sabri ein wenig später den Faun aus Debussys Werk, soeben aus dem Schlaf erwacht und im Juwelengefunkel sich räkelnd, aus unmittelbarer Nähe zu hören, wie er ihm den Weg zu ihr bahnte: Auch diesmal erinnerte sie ihn an seine Frau. Mit der gleichen Geste hatte sie ihn in manchen Nächten zum Bettchen ihrer Kinder gerufen. Das war wirklich merkwürdig. Aus der eigenen Vergangenheit Gestalt gewinnend stürmte diese Frau unerwartet auf einen zu. 'Wie Musik.' Trotzdem gefiel es ihm, ihre in der Musik vollkommen aufgelöste Anwesenheit zu spüren, ihr von Glanzreflexen erhelltes Gesicht zu sehen, sie an seiner Seite zu wissen, die Seelenverwandschaft zu entdecken. Die Musik reifte zwischen den beiden heran, als wäre sie ein von ihnen genährtes, wundersames Geschöpf, Kind ihrer Achtsamkeit.
Ohnehin war alles in ihr und für sie entstanden. Das Sommergewitter war lediglich Hintergrundkulisse für sie.

 
Türkische Literatur, Bücher und Autoren, Texte, Kritiken und Beiträge  im Literaturca Verlag
Türkische Literatur : Ahmet Hamdi Tanpinar Sommerregen