Mädchen der Nacht (eine phantastische Geschichte!)
Mädchen der Nacht trat sofort in die Nacht ein. Sie war das gewohnt.
Draußen herrschte immer noch Abendröte. Sonneuntergang - die Sonne verweilte auf Häuserdächern, auf Bäumen entlang der Kaimauer, in Innenräumen, auf der breiten Stirn der Steppe - noch eine kurze Zeit.
In der Stadt, in der Mädchen der Nacht lebte, war die Nacht ein pastellfarben bemaltes Lehmgefäß. Sehr, sehr alt.
[…]
Dieser Traum war eine braune Stadt.
Aus dem weißen Kristall, das die Stadt umgab, drang an manchen Stellen Achatblau, an manchen Stellen Blutrot ins Braune ein.
Diese Lampe aus Muranoglas machte die Stadt atemlos.
Im Wind lag Modergeruch.
Mädchen der Nacht spürte, dass Altestadt sich unter ihren Füßen wölbte. Das nach Kloake riechende Wasser stieg unentwegt. Kräne fuhren in die Tiefe und krochen auf Hängen empor. Fresken wurden restauriert. Allen alten Städten gleich, ging sie mit der Renovierung immer mehr unter, die Stadt grub sich in die Tiefen ein. Sie roch nach Bernstein, Seide, Gewürzen, Alaun und armer Leute Essen. Weil sie Stück für Stück verkauft wurde, entartete sie, und der enthäutete Schatz roch nach Pracht, Geschäft und Pest.
[…]
In der Kirche sang eine Mezzosopranstimme eine Totenklage. Es ist sicher wieder eine Zeit der Arbeitslosigkeit.
Dann begab sich Mädchen der Nacht wieder aufs Meer, hielt sich an seiner tiefblauen Mähne fest, schüttelte Essenz hinein und flehte: möge es sie doch, nur für heute Nacht, in eine mittelalterliche Stadt bringen, in der sie für kurze zeit Quartier nehmen könnte. Sie war sehr müde.
Meer nickte mit dem Kopf: „Ja.“
Mädchen der Nacht hörte hinter sich Schritte, aber sie drehte sich nicht um, schaute nicht hin.
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