Türkische Literatur: Helmuth von Moltke

Graf Helmuth von Moltke, geboren in Parchim am 26. Oktober 1800, trat aus dänischen in preußische Militärdienste und wurde schon 1828 in den Großen Generalstab berufen. Nach Jahren als Ausbilder in der Türkei (1825 - 40) bewährte er sich, wurde zum Generalmajor befördert, als Organisator des Generalstabs, dessen Führung er 1857 übernahm. Politisch konservativ, war Moltke Reichstagsabgeordneter von 1867 bis zum Tod am 24. April 1891. Er handelte nach der Maxime "Mehr sein, als scheinen." Er liebte den Krieg nicht, dazu war er zu religiös und kannte die Schrecken zu genau.  Doch den "ewigen Frieden" hielt er für einen Traum und richtete sich nach der altrömischen Weisheit: "Si vis pacem, para bellum." (Willst du den Frieden, bereite den Krieg vor.)

Die Eindrücke seiner Jahre im Osmanischen Reich hatte Moltke in seinem Werk “Unter dem Halbmond” mit dem Untertitel "Briefen über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839" aufgezeichnet. Aus diesem Buch zitieren wir einige Stellen über die Hintergründe und Personen der Reformzeit.

türkische Literatur im Literaturca Verlag: Sultan Mahmut II., der die Reformzeit vorbereitete

Eine seltene Ehre wurde Moltke zuteil, als er vom Sultan höchst persönlich empfangen wurde. Sultan Mahmut II. (1808-1839, auf dem Bild reitend) hatte begonnen, das Osmanische Reich zu reformieren. Auf seine Rehnung geht die Auflösung des Standes der Janitscharen (1826), auf die sich das Reich über Jahrhunderte gestützt hatte. Doch die Aufstände der Janitscharen, die man “kazan kaldirmak” (Umdrehen der Töpfe) nannte, wurden immer verheerender. Sultan Mahmud II. wartete nur auf eine Gelegenheit, um sie niederzuschlagen. Reschat Pascha war unter ihm schon Wesir, Mahmud selbst eigentlicher Initiator der 1839 eingeführten Reformen.

Audienz beim Großherrn (Mahmud II.) Pera, den 21. Januar 1837 Ausschnitte

    “Vorgestern erhielt ich den Befehl zu einer Privataudienz beim Großherrn zu erscheinen. Es ist bekannt, wie früher die  Repräsentanten der mächtigsten Monarchen stundenlang im Vorhof des Serajs warten mussten. Dort befindet sich ein  Portal mit zwei Türen hintereinander. Da die äußere hinter dem Eintretenden eher geschlossen, als die innere wieder  geöffnet wird, so war dies der Ort, wo den Wesiren und den Großen überhaupt gelegentlich die Köpfe abgeschlagen  wurden. Diese freundliche Lokalität hatte man benutzt, um die zur Audienz gelassenen Fremden in der Tugend der  Geduld zu üben. Erst nachdem sie so eine Vorstellung von der Gerechtigkeit und Milde, von dem Reichtum und der  Macht, hauptsächlich wohl von dem Hochmut des Padischahs erhalten hatten, wurden sie durch das Tor der  Glückseligkeit, »Bab seadet«, in einen halbdunklen Kiosk vor das Antlitz des Großtürken gelassen. Der Beglückte wurde  von zwei Kapitschi-Baschi oder Obertürstehern geführt, die ihm die Arme festhielten und zu tiefen Verbeugungen  zwangen. Die Gesandten richteten ihre Reden an den Großherrn, dem jedoch nur einige wenige Worte übersetzt wurden,  und sodann durften sie ihre Geschenke überreichen. Se. Hoheit gaben dem Wesir einen Wink, irgendetwas zu sagen, und  damit war die Sache zu Ende. So, oder doch mit wenig geänderten Formen, bestanden die Audienzen bis vor zehn  Jahren. Nach der Vernichtung der Janitscharen oder vielmehr seit die Russen den Türken etwas näher gelegt hatten, dass  sie nicht mehr unüberwindlich sind, hat dies nun zwar aufgehört, aber noch immer ist der Großherr der am wenigsten  zugängliche aller europäischen Fürsten; ich will dir daher meine Audienz beschreiben. 
   Um 10 Uhr morgens begab ich mich mit dem Dragoman der Gesandtschaft, der mich auf allen meinen Zügen begleitet  hat, ins Mabeïn oder den Versammlungsort der Großwürdenträger des Reiches. Dieses Gebäude liegt unmittelbar neben  dem Winterpalais des Großherrn, ist aber durch eine hohe Mauer von demselben getrennt. Wassaf-Effendi, der  Geheimschreiber und mächtige Vertraute des Sultans, nimmt hier die Fremden an, welche oft mehrere Stunden zubringen  müssen, um alles mit ihm gehörig durchzusprechen, was man dem Großherrn mitteilen will. Dieser Effendi begibt sich  sodann zu seinem Gebieter, mit welchem die Antworten beraten werden und der dann genügend vorbereitet ist. Das war  mit mir nun nicht nötig, da ich nichts Politisches vorzubringen hatte. Der Kapudan-Pascha, ein äußerst freundlicher Herr,  kam bald hinzu; es wurden zahlreiche Pfeifen geraucht, Kaffee getrunken und um 11 Uhr erhielten wir den Befehl vor  Sr. Hoheit zu erscheinen.”
    (...)
    “Nachdem der Teppich von einer Seitentür weggezogen worden war, erblickten wir den Großherrn in einem  Lehnsessel. Nach üblicher Weise machte ich ihm drei tiefe Verbeugungen und trat dann bis an die Tür zurück.  Se. Kaiserliche Majestät trug die rote Mütze (Fes) und einen weiten violetten Tuchmantel oder vielmehr einen  Mantelkragen, der seine ganze Gestalt versteckte und der durch eine Diamantagraffe zusammengehalten wurde. Der  Sultan rauchte eine lange Pfeife aus Jasminrohr, die Bernsteinspitze mit schönen Juwelen besetzt. Sein Stuhl stand neben  dem langen Diwan, der sich hier immer unter den Fenstern befindet. Mit einem Blick nach links konnte Se. Hoheit den  schönsten Teil seines Reiches, die Hauptstadt, die Flotte, das Meer und die asiatischen Berge überschauen. Rechts vom  Großherrn bis zur Tür, durch die ich eingetreten war, standen sechs oder sieben seiner Hofbeamten in tiefem Schweigen  und in ehrfurchtsvoller Stellung, die Hände vorn über den Leib gekreuzt. Ein schöner französischer Teppich bedeckte den  Fußboden und in der Mitte des Zimmers glimmte ein Kohlenfeuer in einem prachtvollen Bronzemangall.
    Der Großherr äußerte sich zuerst anerkennend und dankbar über die vielen Beweise von Freundschaft, die er von  unserem König empfangen habe, und sprach sich sehr günstig über preußisches Militär im Allgemeinen aus. Sobald  Se. Majestät geendet hatte, blickten alle Anwesenden sich mit dem Ausdruck der Bewunderung und Beistimmung an und  der Inhalt wurde mir von meinem Dragoman wiedergegeben. Da ich hierauf nichts zu sagen hatte, so begnügte ich mich  mit einer Verbeugung. Se. Hoheit geruhte hierauf, mit mir von meinen Arbeiten zu sprechen, ging auf mehrere Details ein  und setzte hinzu, dass ich ihm inschallah, »so Gott will«, noch fernere Dienste leisten solle. Indem er seine Zufriedenheit  äußerte, ließ er mir durch Wassaf-Effendi seinen Orden überreichen. Nachdem ich diesen auf übliche Weise, ohne das  Etui zu öffnen, an Brust und Stirn erhoben hatte, rief der Großherr: »Zeigt ihn ihm und fragt ihn, ob er ihm gefällt!«, worauf  denn der Nischan mir feierlichst um den Hals gebunden wurde. Sodann erhielt mein Dragoman ebenfalls eine Dekoration  geringerer Art mit dem Vermerk: »weil er mir bei meinen Arbeiten beigestanden«, und wir waren entlassen.
    Der lebhafteste Eindruck, der mir an dieser ganzen Szene geblieben ist, ist der Ausdruck von Wohlwollen und Güte,  welcher alle Worte des Großherrn bezeichnete.”

Der folgende Brief Moltkes veranschaulicht, wie Istanbul im Jahre 1836 ausgesehen hat.

Spaziergang durch Tophane                                                              

Konstantinopel, den 4. Januar 1836

    Ich schrieb dir in meinem letzten Brief, dass mein Aufenthalt sich hier unerwartet verlängert. Der Seraskier lässt mich jede Woche ein paarmal rufen; da die Türken aber jetzt den Ramadan feiern, wo alle Geschäfte des Tages über ruhen, so finden die Besuche des Nachts statt. Das zehnrudrige Kaik des Seraskiers erwartet mich zu Galata und am jenseitigen Ufer des Hafens finde ich seine Pferde. Ebenso geht es zurück. Voraus schreitet ein Kawass oder Polizeisoldat, der mit seinem langen Stock unbarmherzig auf alles losschlägt, was nicht aus dem Wege geht. Dann folgt der Imrohor oder Stallmeister des Paschas und zwei Fackelträger zu Fuß; dann ich auf einem schönen türkischen Hengst mit Tigerdecken und goldenen Zügeln, begleitet vom Dolmetscher.
    Was die Lebensweise hier anbetrifft, so ist sie außerordentlich einförmig. Nach dem Frühstück mache ich bei gutem wie bei schlechtem Wetter eine Promenade, gewöhnlich durch die Hauptstraße von Pera zu dem großen Begräbnisplatz. Die hohen hundertjährigen Zypressen beugen unter der Last des Schnees ihre grünen Zweige zur Erde und die zahllosen aufrecht stehenden Leichensteine sind mit einer Eisrinde wunderbar überzogen. Da, wo der Weg aus dem Zypressenwald tritt, öffnet sich eine herrliche Aussicht auf den Bosporus. Unten liegt Beschik-tasch, ein Schloss des Großherrn, denn das alte Serai hat er für immer verlassen, weil daran zu fürchterlich blutige Erinnerungen kleben; auch ist ihm prophezeit, dass er dort sein Leben enden werde. Jenseits erheben sich die schneebedeckten Berge Asiens, Skutari, die Vorstadt mit 100 000 Einwohnern und mitten im Wasser der Leanderturm.
    Begleite mich nun auf meiner Wanderung, die steile Höhe, welche der Begräbnisplatz krönt, hinab an das Ufer des Bosporus. Wir bleiben ein Weilchen stehen und sehen den Wellen zu, die sich mit Macht an den steinernen Kais brechen und schäumend weit über die vergoldeten Gitter bis an den Kiosk des Großherrn spritzen. Griechen sammeln die Austern, welche die bewegte See ans Ufer wirft, und ganze Herden von Hunden verzehren die Reste eines gefallenen Pferdes. Wir wenden uns nun rechts an einem prachtvollen Marmorbrunnen vorüber und treten in eine lange Reihe von Kaufläden, deren Dächer oben fast zusammenstoßen. Dort sind es vor allem die Esswaren und Früchte, die meine Aufmerksamkeit erregen; wüsste ich nur ein Schiff, so würde ich euch einen schönen Korb füllen. Da gibt es Datteln, Feigen, Pistazien, Kokosnüsse, Manna, Orangen, Rosinen, Nüsse, Granatäpfel, Limonen und viele andere gute Sachen, von denen ich die Namen nicht einmal weiß. Da gibt es Honigbrei, Reisspeisen, Ziegenrahm und Traubengelee, alles aufs Reinlichste und Beste bereitet; dann kommt der Gemüsemarkt mit Blumen, Kohl, Artischocken, ungeheuren Melonen, Kürbissen, Karden und Pasteken. Gleich daneben liegen die Erzeugnisse des Meeres: ungeheure Fische wie der riesenhafte Thon, die silbernen Palamiden, der Goldfisch, die Steinbutte und alle die Meeresungeheuer, die doch so gut schmecken, die Austern, Hummer, Krebse und Krabben.
    Zwischen mehr als hundert Läden, in denen Tschibuks oder Pfeifenrohre, Köpfe aus rotem Ton und lange Spitzen aus Bernstein gefertigt werden, kommt man endlich nach Tophane, dem Viertel der Artilleristen. Die von dem jetzigen Großherrn erbaute Moschee Nusrethieh (die Siegreiche) zeichnet sich aus durch ihre beiden Minaretts, die hundert Fuß hoch sind und deren unterer Durchmesser doch nicht über neun Fuß misst. Wie gut müssen solche schlanken Türme gebaut sein, um Stürmen, oft auch Erdbeben widerstehen zu können. Im Vorhof, der mit schönen Säulen umgeben ist, waschen, trotz der kalten Witterung, in langen Reihen von Wasserbecken die andächtigen Moslems Gesicht, Hände und Füße, denn sonst wird das Gebet nicht akzeptiert. Nach dieser etwas frischen Prozedur kniet der Gläubige, das Gesicht gegen Mekka gewendet, nieder, sagt seinen Spruch, zieht seine Stiefel an und geht davon.
    Nahebei ist die große Moschee Kilidsch-Aly. In dem schönen Vorhof befinden sich Kaufläden mit anmutigen Sachen. Unter einem Bogen sitzt ein türkischer Briefschreiber, ein Stück Pergament auf dem Knie und eine Rohrfeder in der Hand. Frauen in weiten Mänteln und gelben Pantoffeln, das Gesicht bis auf die Augen verhüllt, erzählen ihm mit lebhaften Gebärden ihr Anliegen und mit regungslosen Zügen schreibt der Türke das Geheimnis des Harems, eine Prozessangelegenheit, eine Bittschrift an den Sultan oder eine Trauerpost, faltet das Blatt zusammen, wickelt es in ein Stück Musselin, drückt ein Siegel von rotem Wachs darauf und empfängt 20 Para für eine Freudenpost wie für eine Todesnachricht.
    Die zahllosen Cafés gewähren jetzt einen eigenartigen Anblick, alles drängt sich um die Feuerbecken, aber der liebliche Dampf des Kaffees und der Pfeife fehlt; es ist das Fest des Ramadan und vor Einbruch der Nacht darf kein Rechtgläubiger essen, trinken, Tabak rauchen oder sich nur den Geruch einer Blume erlauben. Die Türken schleichen langsam in den Straßen herum und schneiden grimmige Gesichter vor Hunger und ungewohnter Kälte. Sobald aber die Sonne hinter der Moschee Suleimans des Prachtvollen untergeht, rufen die Imams von allen Minaretts: »Es gibt keinen Gott als Gott«, und nun ist es sogar die Pflicht des Moslems, die Fasten zu brechen.
   Wir sind nun bis an die Mauern von Galata gekommen und steigen zu jenem großen weißen Turm empor, von dem man wieder einen prachtvollen Anblick auf die Stadt jenseits des Hafens, auf Skutari, jenseits des Bosporus, und auf das Marmarameer, die Prinzeninseln und den asiatischen Olymp hat. Rechts breitet sich die mächtige Stadt von einer halben Million Einwohner aus.
    Die äußerste Spitze mit den hohen Mauern, den vielen Kuppeln und dunkelgrünen Zypressen ist das Seraj, eine Stadt für sich mit 7000 Einwohnern, mit ihren eigenen Mauern und Toren. Dicht daneben wölbt sich die mächtige Kuppel der Sophienkirche, jetzt eine Moschee, welche das Vorbild zu so vielen anderen Kirchen, selbst zu St. Peter in Rom, geworden ist. Weiter rechts ragen die sechs prächtigen Minaretts der Moschee Sultan Achmeds hervor. Wegen ihrer schlanken Form sehen diese Minaretts ungleich höher aus als die höchsten Türme unserer christlichen Kirchen. Den höchsten Punkt aber bildet der schöne Turm des Seraskiers. So weit das Auge reicht, nichts als flache Dächer, rote Häuser und hohe Kuppeln, überragt von der Wasserleitung Kaiser Valens, welche mitten durch die Stadt geht und noch heute, nach sechzehn Jahrhunderten, das Wasser für hunderttausende von Menschen herbeileitet. Durch die weiten Bogen flimmert jenseits der Hellespont, und die asiatischen Berge schließen dies Bild.

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