Feyza Hepçilingirler: Günseli



- Meinen Fotoapparat habe ich vorigen Sommer verkauft, sagte er. Die Entwicklung der Filme war zu teuer geworden.  Ich hatte dich fotografiert, erinnerst du dich? Oben, hier, im Garten, mit Siret Hanım, alleine...
       Vorigen Sommer, oder neulich, wann hatte er die Fotos gemacht?
       - Wann, neulich?
       - Neulich? Was neulich?
       - Ich meine die Fotos. Es gibt sehr alte Fotos, soweit ich mich erinnere.
       Von den Netzstrümpfen und Rosen rede ich nicht.
       - Die meine ich...
       Ich verstehe. Muss man denn noch nachrechnen, zu welchen Jahren diese Fotos gehören? Ein ganzes Leben beinahe ist darüber vorbeigegangen. Der Ihsan Bey, der von den Sesseln hinter den Kanapees sprang, herumeilte, mich inszenierte und rechtzeitig einholte: ein Jäger des Augenblicks.  Lebemann und närrischer Schürzenjäger: lhsan Bey. Soll das dieser Mann etwa sein, der nun in mir die Freude jener Tage der Fotos zu finden glaubt? Er blickt vornehm, distanziert und fein. Dieser Mensch, der früher unzählige Aufnahmen gemacht hat, scheint nun aus seiner Jugend wieder aufzutauchen. In der Tat, es waren sehr viele Aufnahmen, genau wie er eben gesagt hat. Im Garten, hier oben, und mir schien  immer, als würde er mehr das Bild meiner  Beine, als mich selbst fotografieren wollen. Ich  fürchtete mich. Vor einer unausgesprochenen Bosheit. Zart schob lhsan Bey meinen Rock nach oben, berührte dabei meine Beine nie. (Ob ich wohl damals schon dachte, dass dies vornehm sei?) Die schwarzen Netzstümpfe waren eine Handvoll zartes Seidenknäuel. Ich trug ein blaues Wollkleid mit breitem Schalkragen, zum ersten Mal knielang, zum ersten mal mit Brustabnähern.

       Netzstrümpfe gab es in der Türkei erst sehr viel später, als dass lhsan Bey sie mir gab. Sie klebten an den nackten Beinen. lhsan Bey aber interessierten nackte Beine wenig. Was aber dann? Ich habe später in der Illustrierten "Yelpaze" jene netzbestrumpften, nackten Beine gesehen, die noch nackter wirkten als ohne Strümpfe. Auch das geschah in diesem Haus. Wie viele Illustrierte es waren. Zeitungen, Bücher. Aber am meisten waren es Illustrierte. Auf dieser Kommode stand immer ein Radio mit Lämpchen. Damals verschüttete Siret Hanım keinen Tropfen, wenn sie ein Glas füllte; die Wasserkaraffe war von vornehmer Herkunft. Siret Hanim hat auch sehr schöne Beine, lang und füllig. In den hochhackigen Pantoffeln wirkten ihre Beine noch anziehender; aber  Netzstrümpfe  hatte sie nie  angezogen. Es gab hier noch eine Illustrierte, der “Mandifata”  ähnlich,  zusammen  mit  den  "Yelpaze's",  auf einem dreibeinigen Tischchen. Wirklich, wo ist dieses Tischchen? Die hochhackigen Pantoffeln von Siret Hanım? Aber was für Pantoffeln denn, Siret Hanim trug nie welche, sie lief in hochhackigen Schuhen im Haus herum. Pantoffel fand sie dörflich, und wenn gar Gäste an der Tür ihre Schuhe ausziehen wollten, tat sie, als sei sie beleidigt. Bis auf die ganz erlesenen, empfing sie  alle  Gäste  hier.  Alle Tischchen  waren  mit  bodenlangen, fransigen Spitzendecken - gestrickt auf fünf Stricknadeln - bedeckt. Einmal, als ich an der Stelle dieser schönen Decken billige Nylondinger sah, war ich schockiert.  (Weil der Rückgang begonnen hatte?) Das war das Werk von Mehveş Abla, die jedem Neuen verfallen war. Mehveş Abla, die Tochter von Siret Hanım, war damals ein junges Mädchen. Inzwischen ist sie längst verheiratet und hat fast erwachsene Kinder. Wann immer ich herkam, fand ich sie in einer Ecke dieses Kanapees stickend sitzen. Mit dem Holzrahmen, die eine Hand unten, die andere oben, stickte sie immer Muster, Vögel, Blumen, Männer mit Gitarre in der Hand, die ihren Geliebten ein Ständchen gaben. Ab und zu lehrte sie mich tanzen: "Du sollst dich nicht schämen müssen, wenn es mal soweit ist." Ich kam mir vor wie "das Mädchen, das wie eine Prinzessin erzogen wird"; wer weiß welcher Film in mir auf diese Weise nachwirkte? Ich erzählte es niemandem, aber ich war verrückt danach, tanzen zu lernen wie eine Prinzessin.
          Als ich mich nach der Klingel (nicht  zum Drücken, sondern wie eine Schleife zum Drehen, eine alte Türklingel) greife, weiß ich, dass ich nach all dem suche. Vielmehr als diese zwei alten Menschen, besuche ich meine Kindheit, die hier irgendwo anwesend sein muss. Daher die Mischung aus Angst und Aufregung, die ich spüre. Der Wunsch zu fliehen: Was, wenn ich sie nicht finde?!
           Wie viele Jahre kam ich nicht mehr in dieses Haus? Es dauert lange, bis sich der Tür Schritte nähern. Beinahe frage ich die alte, buckelige Frau, die die Tür öffnet, nach Siret Hanım: sie hat früher hier gewohnt. Sie aber erkennt mich sofort wieder. "Ach meine Liebe..." sagt sie. "Meine Liebe... lhsan Bey, schauen Sie mal, wer da ist." Dass Siret Hanım ihren Mann "lhsan Bey" nennt, befremdet mich nicht, sie lässt es nicht merkwürdig erscheinen.
          - Gut sehen sie aus, sage ich. Wie schön das ist... Wie schön, so zusammen alt zu werden.
          - Alt  geworden  sind  wir,  nicht  wahr? fragt  Siret Hanım.
          lhsan Bey findet die Frage seiner Frau kindisch, entschuldigt sich bei mir mit einem demütigen Lächeln: "Hör nicht auf sie."
          Ich aber sage: "Nein, das meinte ich nicht. Ihre Gemeinsamkeit ist schön. Dass sie zusammen alt werden, aber doch noch immer sich gegenseitig lieb haben."
          Sie lächeln wie ertappte Kinder.
          Im oberen Gästezimmer, das Siret Hanım niemandem gönnt, ließ mich Ihsan Bey auf einem Kanapee ohne Rücken-, aber mit geschwungenen Armlehnen, Platz nehmen. Wo war Siret Hanım? Vielleicht unten, vielleicht im Garten, vielleicht nicht da, ich wusste es nicht. Er hob mein Bein, als wäre es ein von meinem Körper unabhängiges Stück, bückte und arrangierte es, fand seine Haltung doch nicht in Ordnung, nahm es erneut in seine Hand, und ich hatte Angst, dass er es vergisst und weggeht. Er ließ meine gerade hinabhängenden Füße über dem rechten Bein an den Knöcheln kreuzen. Mein linkes Bein hielt er in der Hand. Er schob es zurück, in der Höhe meiner Knie drückte er es auf das Kanapee. So ist gut.  Noch etwas zog er es nach vorne,  machte die Öffnung der Knie breiter. Dann schaute er noch durch die Linse des Apparates. Wenn es ihm gefiel, war alles klar.
          Jahre später würde ein Mann dieses Bein von jener Stelle, an die Ihsan Bey es platziert hatte, nehmen, und einem kristallverzierten Silberstab gleich (wo gibt's denn so etwas, dass man Silber mit Kristall verziert?) (aber das gibt es doch, und jener Silberstab bedeutet auf einem Weltatlas die Berge, es ist, als zeigte ein solcher Silberstab die Berge, das Fliehen, die Befreiungen und die Lieben) an seine Lippen führen. Dann würde er seine Finger zart über den Stab gleiten lassen.
       - Komm, suchen wir dir einen Namen" sagt Hasan Bey. Dilşad soll dein Name sein.
       Ich kann nicht sagen, dass es nicht sein soll. Ich kann nicht fragen, wer Dilşad ist.  Und  schon  gar  nicht  kann  ich  sagen,  dass  mein eigener Name schön sei, was gäbe es daran auszusetzen. Noch weiß ich auch nicht, dass ich Günseli als Namen wünsche.
       - Ich nannte dich Dilşad, erinnerst du dich? fragt lhsan Bey.
       Ich erinnere mich. Und Siret Hanım schüttelt kokett den Kopf... auch sie erinnert sich. Siret Hanım weiß, wer die wirkliche Dilşad war. Ich weiß es nicht, und mittlerweile will ich es auch nicht mehr wissen.
       Auch an seinen intensiven Blick in meinem Gesicht, als schiene er unter meiner Haut etwas zu suchen, erinnere ich mich. Wie er meine Augenbrauen ordnete, dann wie er eine Locke von meinem Haar über ein Auge gleiten ließ und mir dann eine Rose in den Mund legte. Wo sind jene Bilder? Wirklich, wo sind sie? Ich erinnere mich, dass sie alle aufgenommen wurden; kein einziges aber habe ich gesehen.
       lhsan Bey glaubt, ich sei noch immer jenes Mädchen, von dem die Fotos gemacht wurden. Ich spüre seine Fotografenblicke (die alten, aber noch immer amateurhaften) in meinem Gesicht. Er müsste, wenn schon nicht meine Falten, so doch die Traurigkeit zumindest, die mein Gesicht wie eine zweite Haut bedeckt, sehen.
        - Du siehst gut aus, sagt lhsan Bey. Du wirkst sehr schön.
        Im  gleichen  Augenblick  sagt  eine  andere Stimme: "Du bist sehr schön".
       - Das hatte ich dir nicht gesagt, nicht wahr?" Hatte er es gesagt? Ich erinnere mich nicht.
        lhsan Bey hatte früher ein Motorrad. Er nahm seinen Fotoapparat und fuhr in die Berge. Er fotografierte die Hänge, den Golf, die Berge, die Villen, die Buchten, die Sonnenuntergänge, die Pinien- und Olivenbäume, die Stiegen, Körbe, die an den Asten der Olivenbäume hingen, Kinder, die hinter ihren Eseln herliefen, Frauen beim Olivensammeln mit den Halbhandschuhen, die ihre Finger frei ließen. Und der gleiche lhsan Bey kam und fotografierte dann mit der Rose im Mund, die Blicke verführerisch eingestellt, mich. Jetzt hat er kein Motorrad mehr. lhsan Bey ist so alt geworden, dass er nicht mehr aufs Motorrad zu steigen in der Lage ist. Er steckt mir keine Rose in den Mund und lehrt mich keine Blicke.
       - Gehen wir in den Garten, sagt er, dort gibt es Sonne.
       Ich weiß, dass er "Licht" meint. Er ist dem Licht verfallen. Der dem Tageslicht verfallener lhsan Bey. Gehen wir nicht in den Garten, gehen wir in die Berge. Mache ein Bild von mir in den Bergen, auf dass es nicht verloren gehe. Nimm mich und lege mich in den Schoß eines lichtäugigen Mannes. Lege mein Haar lang, lasse es im Winde wehen; aber lass es nicht zu, dass mein Haar das Licht seiner Augen verdunkelt.
       - Ich gehe jetzt, sage ich. Aber wenn sie wollen...
       - Was habe ich im Garten verloren? fragt er.
       Wer fragt das? Ich kam hierher, um meine Kindheit wieder zu finden. Ich brauchte das. Und was fand ich? Ich blieb länger als nötig hier.  Es war nur ein Vorbeikommen. Als ich meinen zerknüllten Rock in Ordnung bringe, erinnere ich mich wieder an mein erstes Kleid mit den Brustabnähern. Wir brachten es zur Näherin an der Ecke, die in dem einstöckigen Haus wohnte, und die Frau sagte: "Man muss schon Brustabnäher machen." Mutter und sie schauten sich in die Augen und lachten. Ich wurde rot. Obwohl es keine Schande ist, dass einem Mädchen die Brüste wachsen. Jetzt weiß ich das, damals wusste ich es nicht. Ich wundere mich, wie viele Dinge ich jetzt weiß, jetzt erst. Auch, dass lhsan Bey so alt wird, dass er nicht mehr auf das Motorrad steigen wird können, auch, dass jener lichtäugige Mann seine Augen und sein Licht nehmend und aus meinem Leben sich zurückziehen würde und gehen, wusste ich damals nicht. Jetzt weiß ich es. Und jetzt reicht es, ich will keine Fotos.

 

Übersetzung: Beatrix Caner ©

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Türkische Literatur: Feyza Hepcilingirler, Günseli