
Eine humanistische Feministin
Die türkische Literatin Erendiz Atasü, die in Ankara lebt, ist als eine herausragende Leitfigur der frühen, einheimischen Frauenbewegung landesweit bekannt geworden.
Neben den eigenen literarischen Werken ist auch ihre Arbeit als Kultur- und Literatur-
kritikerin maßgeblich und höchst interessant. Sie vertritt eine selbstbewusste, konsequente und ausbalancierte Haltung einer modernen Wissenschaftlerin, die die eigenen kulturellen Wurzeln würdigt und sich gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit engagiert. In ihren Werken widmet sie sich wie kaum eine andere Autorin den Sorgen der einfachen, mittellosen, arbeitenden Frauen. Sie zeichnet Frauen-
figuren, die durch ihre Einfachheit und durch die darin liegende Kraft und Ursprünglichkeit zutiefst beeindrucken. Ihre Figuren wiederum schöpfen ihre eigene Kraft aus ihrer bedin-
gungslose Liebe: zu ihren Männern, zu ihren Kindern und zu ihrem Land.
Atasüs Denkbasis ist ein höchst ausgewoge-
ner globaler Humanismus, der auf die Gleichberechtigung aller Menschen vertraut und diese zu verwriklichen entschlossen ist.
Lernt Leben
(© Beatrix Caner: Nachwort zum Band Das Lied des Meeres)
Ein relativ später Aufbruch, aber politisch und gesellschaftlich brisante Sujets - allen voran "Frauenthemen" -, sowie eine beherzte, solidarische und überaus menschliche Haltung bilden die Basis, auf der sich die literarischen Aktivitäten der Autorin Erendiz Atasü entfaltet haben.
Mit 27 Jahren begann die 1947 in Ankara geborene Dozentin für Pharmakologie zu schreiben - wie sie sagt, ohne vorher den Traum gehegt zu haben, Schriftstellerin zu werden. Zunächst publizierte sie in literarischen Zeitschriften. Erst 1983 erschien ihr erstes Erzählband Kadınlar da Vardır (Es gibt auch die Frauen). Auf ihre ersten Erzählungen, die das schwere Los und vor allem die weit verbreitete offene und subtile Unterdrückung von Frauen thematisierten, folgte eine umfassende literarische Arbeit, die neben Romanen und Erzählungen aus überaus scharfzüngigen und zutreffenden Essays über Literatur und Film besteht. Seit Jahren vermittelt sie darüber hinaus Literatur im Hörfunk und Fernsehen und fördert sehr gezielt junge Schreibtalente.
Seit einigen Jahren ist Erendiz Atasü auch in Europa Aufmerksamkeit zuteil geworden. Neben wissenschaftlichen Werken ist sie in Zeitschriften und Anthologien vertreten. In England ist ihr Roman Dağın Öteki Yüzü (Die andere Seite des Berges) in englischer Sprache erschienen.
Den Kernpunkt der Werke Atasüs bildet - meiner Ansicht nach - weniger eine reine "feministische" Haltung, die ihr nachgesagt wird, vielmehr ihre soziale Einstellung, die die sensible Autorin kleinste Ungerechtigkeiten aufspüren lässt und die in der Literatur immer mehr abhanden kommt. Gerade diese absolut gerechte, zutiefst verinnerlichte humane Haltung, die in all ihren Werken zum Ausdruck kommt, bedeutet eine neue Kategorie in der türkischen Literatur. Denn obwohl es seit der Gründung der Türkischen Republik (1923) eine intensivere Zuwendung zum Leben der "einfachen" Menschen gegeben hat, war diese weitgehend von einer ideologischen Haltung geprägt und sehr oft von Interessen geleitet, die kaum als literarisch zu bezeichnen sind. Zudem haben die meist männlichen Autoren geschlechts-
spezifische Unterdrückung stets im Rahmen des politischen Systems gesehen - falls sie sie überhaupt wahrgenommen haben. Eine Gesellschaftskritik, die die Grenzen der ideologischen Weltbetrachtung überstieg, hatten gerade die "kritischen" Autoren ausgeklammert und so einen überdimensionalen blinden Fleck sowohl in ihren Werken, als auch in ihrer Haltung demonstriert. Einige solche "blinde Flächen" werden im Werk Atasüs sichtbar.
Für Das Lied des Meeres haben wir 5 Erzählungen aus dem Band Lanetliler (Die Verdammten) ausgewählt, die eine thematisch repräsentative Palette der Weltanschauung von Erendiz Atasü bilden.
Den politischen Akzent setzt die Erzählung Melancholie. Als Erendiz Atasü 1985 dieses zweite Erzählband Lanetliler (Die Verdammten) publizierte, hatte die Türkei die letzte, aber radikalste Machtergreifung des Militärs hinter sich (12.09.1980). In der Erzählung Melancholie wird diese Zeit aus der Perspektive einer Frau nachvollzogen, deren politisch aktiver Freund inhaftiert ist und die selbst nicht nur eine Lebenskrise durchmacht, sondern eigentlich auch den Sinn ihres Lebens verloren zu haben scheint. Sichtbar wird das Durchbrechen einer urkräftigen Sehnsucht einer Frau, die jenseits aller Ideologie, Berufsbildung und Karriere, und jenseits aller erlittenen sozialen Ablehnung, die menschliche Wärme einer Beziehung sowie Kinder so sehr vermisst, dass sie daran zu zerbrechen droht.
Was bleibt ist eine Hommage an eine starke Frau einer vergangenen Generation. Gerade in der Schwarzmeergegend, die in der Türkei als sehr konservativ und traditionsbewusst gilt, gab es stets auch Frauenfiguren, die selbstbewusst und stark genug waren, um ein selbstbestimmtes Leben zu leben - und das zu einer Zeit, als nicht nur das patriarchalische System ihren Werdegang vorbestimmte, sondern auch Kriege ihr Leben aus den Fugen rissen. Nicht nur unterschwellig ist zu spüren, dass Rabia Hanım durchaus Vorbild für heutige Frauengenerationen sein könnte und sollte.
Die Verdammten, die Titelgeschichte des türkischen Originals, ist eine der wenigen Erzählungen in der türkischen Literatur, die auf das Leben von Frauen eingeht, die in "gewöhnlichen" Berufen arbeiten. Beinahe wie beiläufig werden dabei Schicksale in kurzen Schilderungen nachgezeichnet, die dramatisch, ja sogar tragisch sind und zutiefst betroffen machen. Die beengenden sozialen Bedingungen in den östlichen Provinzen der Türkei scheinen die Lebenswege der Frauen unausweichlich vorzubestimmen. Wie viel Mut ist wohl nötig, um sich über die althergebrachten gesellschaftlichen Schranken hinwegzusetzen?
Esma führt in das triste Leben in den Armenvierteln, in den sog. Gecekondus. Vielleicht ist nicht immer die Lehre, die man als Leser aus einer Geschichte ziehen kann, das Wichtigste. Hier geht es sicher auch darum, dass Einblicke in eine Lebensform gewährt werden, die gerade wohlwollende intellektuelle Schichten nur vom Hörensagen kennen, in eine Lebensform, aus der eigentlich kein Entkommen gibt. Auch in dieser Erzählung ist, wie auch bei Die Verdammten, Betroffenheit ein wichtiger Moment der Erkenntnis.
Das Lied des Meeres, Titelgeschichte der deutschen Ausgabe, erinnert ein wenig an indianische Mythen, wonach die Erde ein Lebewesen sei. Das Meer als fühlendes Wesen bildet einen krassen Gegensatz zu den vielen Menschen, die roboterhaft und gefühllos, vor allem blind für die Schönheiten der Natur, ihr kleines, hektisches, unglückliches Leben führen. Die Erzählung ist ein offener Vorwurf an die Menschen, die sich weder auf ihre Umgebung einlassen können, noch ihren Kindern ein wahrhaft besseres, weil menschlicheres Leben ermöglichen. Die klare Aufforderung der Autorin ist: lernt Leben!
Leseprobe: Das Lied des Meeres
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