Tomris Uyar: Eine Geschichte, die nicht geschrieben werden konnte

Wie lange schon will ich versuchen, einen Beitrag (!) zu der Integrations-Literatur in der Bundesrepublik zu leisten, die das Zusammenleben von Deutschen und Türken, das Zusammenwachsen beider Gesellschaften zu einer unzertrennlichen Einheit belegt.

Ich sagte, versuchen, denn das ist durch und durch eine schwere Arbeit: Zum einen soll die Erzählung weder die Deutschen noch die Türken kränken, dann - soweit möglich - soll sie von beiden Gruppen akzeptiert werden, schließlich muss sie glaubwürdig wirken.

Als ich begriff, dass ich mit dieser Aufgabe allein nicht fertig werden würde, fragte ich meine türkischen und deutschen Freunde um Rat, die aber bislang nichts von einer derartigen geistigen Verbundenheit bemerkt haben wollen. Dennoch: ihnen sei Dank, ist es mir gelungen, das Vorhaben wunschgemäß zu verwirklichen.

Es hätte sein können, das zumindest fürchtete ich, dass ich die falschen Schritte unternehme, deshalb wählte ich die bewährte Standardmethode: eine türkische Arbeiterfamilie. Die Tochter geht in diesem Jahr zur Hauptschule, der Sohn ist erst ein Jahr alt. (Daraus wird ersichtlich, dass die Eltern Familienplanung praktizieren). Die Mutter arbeitet seit einer Weile nicht, geht ab und zu in private Haushalte putzen. Was die Nächte betrifft, strickt sie bei "wackelndem Kerzenlicht" (auch wenn dieses Detail nicht realistisch ist, so spricht es doch die Gefühle der Leser an, und ist wichtig, weil es die Machtlosigkeit der Frau demonstriert). Der Mann müsste wenigstens einen winzigen Fehler haben: ja, manchmal geht er mit seinen Arbeitskollegen in eine Kneipe und kehrt erst spät nach Hause zurück. Letztendlich aber leben alle Mitglieder der Familie, trotz besonders schwieriger Lebensumstände, glücklich (!), obwohl die seit Jahren andauernden Vorbereitungen der Rückkehr eine Belastung darstellen. Sie leben äußerst sparsam, weil sie das Geld sparen und es in die Heimat schicken. Sie rufen Verwandte an, wenn es noch so teuer ist, und schicken an den Feiertagen Geschenke in ihr Dorf oder bringen selbst welche mit.

Kommen wir nun zu der deutschen Familie, die den anderen Part bei der Integration spielen soll. Bei Gott, ein deutscher Arbeiter, der mit dem türkischen Arbeiter in der gleichen Fabrik arbeitet, wäre zwar glaubwürdig, aber dieses Szenario entspräche nicht dem aktuellen Zweck, zumal Klassenbewusstsein dem emotionalen Duktus unserer Erzählung schaden könnte. Da wir ein breiter angelegtes Zusammenwachsen anvisiert hatten, wird der deutsche Vater am besten ein Lehrer sein, und um die sadomasochistischen Neigungen mancher türkischer und deutscher Leser zu befriedigen, soll er aus einer Familie mit nazistischer Vergangenheit stammen und ein Ausländerfeind sein.

Um der Erzählung eine Prise Extragavanz zu verleihen, müssten wir seine Frau als eine ungewöhnliche Persönlichkeit darstellen: Sie ist Feministin, achtet die Menschenrechte und ist eine gebildete Frau. Sie arbeitet in einem Amt, das sich um die Belange der Gastarbeiter kümmert. Ihr Name verheißt Geheimnisvolles: Ada. Der Name ihres Mannes hat nichts Rätselhaftes: er heißt Hermann. Nun, um die beiden Familien, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammen, nebeneinander leben lassen zu können, müssen wir einen Stadtteil erfinden, in dem sie im Supermarkt oder im Eiscafe aufeinander treffen. (Meine Freunde in Frankfurt und in Berlin schlugen jeweils eine bestimmte Straße vor, sie wollten mir die Fotos der Straße sogar zuschicken). Bevor wir mit der Erzählung wirklich beginnen, erwartet uns noch eine weitere Schwierigkeit: Wie wollen wir die Friedenstauben, Olivenzweige, Luftballons, Feldblumen, die heiße Sonne – Zutaten, die in dieser Art von Literatur so oft vorkommen - im Winter von Frankfurt oder Berlin unterbringen? Denn wir müssen einen feierlichen Tag - zum Beispiel Weinachten - in den Mittelpunkt stellen. Richtig! Wir nehmen das Osterfest, so ist wenigstens Frühjahr.

Zuvor soll aber die "blonde, blauäugige, ein wenig kühle" Tochter von Hermann und Ada, Pia, ihrer türkischen Klassenkameradin, der" schwarzhaarigen, schwarzäugigen, anmutigen" Zehra, Bleistiftspitzer und Radiergummi zu Weinachten geschenkt haben. Natürlich ist das in der Schule eine alte Gewohnheit, aber Zehra nimmt an, dies seien persönliche Geschenke an sie. (Die Türken sind großzügig und freundlich veranlagte Menschen, nur Deutsche haben es nötig, ihre Freundschaft durch Zwangsgeschenke zu demonstrieren).

Zehrachen (der Suffix "-chen" lässt offen, ob sie uns leid tut oder wir sie so nennen, weil sie noch klein ist) zeigt die Geschenke gleich ihrer Mutter und versteckt sie tagelang unter ihrem Kopfkissen. Auch die Mutter ist sehr gerührt, lässt alle Arbeit links liegen und strickt nachts für Pia einen bunten Schal aus Wollresten mit türkischen Motiven, wie es dieses Jahr Mode ist.

Der Schal wird gerade zu Ostern fertig. Zehra hat vor Aufregung Herzklopfen. Während sie zum Haus, das zwei Ecken entfernt gelegen ist, läuft, ist sie aber beunruhigt. Sie weiß nicht, wie die Reaktion sein wird. (Wir haben am Anfang von der Harmonie der beiden Gruppen gesprochen, so müssen wir diese Aufregung der kleinen Zehra ihrem zarten Alter zuschreiben! Zugleich befürchtet sie die Reaktion ihres Vaters, wenn er die Ereignisse erfährt. Klar, ihr Vater schlägt sie zwar nicht - auch die Gesetze erlauben es nicht -, aber er könnte sich sehr ärgern. Er könnte denken, dass sein Stolz auf dem Spiel steht.)

Gut, dass die Tür gleich aufgeht. Zehra wirft durch den Spalt einen Blick hinein. Sie sieht eine Kaffeetafel voller Kuchen. Aber warum auch immer, ihr erscheint die Atmosphäre unterkühlt und fremd. In diesem Moment will sie nur möglichst schnell nach Hause in den warmen Schoß ihrer Familie. Sie reicht den liebevoll verpackten Schal Ada. Ada schießen plötzlich Tränen in die Augen.

„Komm herein mein Kind“, sagt sie auf Deutsch. (Dieses "klug blickende Kind" erweckte bereits ihre Aufmerksamkeit, als sie ihre Tochter von der Schule abholte.)

„Ich möchte nicht stören“, sagt Zehra. „Ich habe das für Pia gebracht.“ (Ihr Deutsch ist fehlerfrei.)

„Wieso stören, meine Liebe?“, fragt Ada. (Offenbar bewirkte die Sympathie zu diesem Kind, dass sie auf einem Schlag fließend Türkisch sprach!)

Nachdem Zehra ihre Schuhe ausgezogen hat, setzt sie sich ängstlich an den Tisch. Pia kommt aus ihrem Zimmer, läuft zu Zehra und küsst sie auf die Wange, bedankt sich bei ihr. Ihre langen, blonden Haare und die lockigen, schwarzen Haare von Zehra - alles in Nahaufnahme - vermengen sich.

„Hermann, kommst du mal!“, ruft Ada ihren Mann.

Hermann kommt etwas verspätet. Erst ist er verwundert über die Fremde am Tisch, schaut sie böse an. Aber die Freundschaft der beiden Kinder, die tränenvollen Augen seiner Frau und die vor dem offenen Fenster hoch fliegenden Luftballons erweichen ihn im Nu. Liebe zu diesem Kind, das diesen traditionellen Feiertag, den heutzutage nicht einmal deutsche Familien in alter Würde zu begehen pflegen, erfüllt ihn, denn sie hat es nicht vergessen. Sein Leben läuft ihm wie ein Film vor den Augen ab: Wie sehr er sich geirrt hatte! Diese Menschen sind auch nur Menschen! Es ist die Liebe, die sie aufrecht hält, die Familienbande, die Solidarität, und nicht Materialismus!

Am Ende der Geschichte ist es schwierig festzustellen, ob die beiden Familien sich in Zukunft des Öfteren besuchen werden oder nicht. Am besten lassen wir diesen Punkt offen, wir wollen nicht übertreiben. Denn, nach meiner Ansicht ist es - auch wenn es schwarzer Humor ist -, eine kränkende Erzählung. Mir ist, als hörte ich solche berechtigte Einwände:

"Gut, aber gibt es denn seit damals bis heute keine Verbesserungen in den türkisch-deutschen Beziehungen? Hat die traditionelle Wärme der Mittelmeerkulturen die Deutschen überhaupt nicht beeinflusst? Haben sich unsere Landsleute nicht an das System des Westens, das eine strenge Arbeitsmoral hat, angepasst? Können heute die Zehras nicht selbstverständlich ein fehlerfreies Deutsch sprechen? Und sogar schreiben? Können sie nicht selbstverständlich mit den Pia's befreundet sein?"

Natürlich können wir auf alle diese Fragen eine positive Antwort geben. Aber die Frage der türkischen Arbeiter in Deutschland wurde von Anfang an aus ideologischer Sicht betrachtet. In den ersten Jahren wurden Klagelieder angestimmt, dass sie "den Müll der Ungläubigen wegputzen" müssen. Einige Jahre später, als sie zurückkehrten, wurden ihre Kleidung und ihre teueren Autos kritisiert und sie wurden abschätzig unter dem Einheitsspottnamen "Deutschländer" über einen Kamm geschert. In den letzten Jahren schienen sie vergessen worden zu sein, als lebten sie auf Atlantis, und wir erhielten keine Nachricht mehr von ihnen. Und nun übernehmen sie die Mission, den Deutschen Menschlichkeit beizubringen, wie dies einige Beispiele aus der jüngsten Literatur zu belegen so bemüht sind.

Gute Literatur fördert Wahrheiten ans Tageslicht, die von solch oberflächlichen Betrachtungsweisen verschleiert und zum Gemeinplatz degradiert werden. Sie zeigt, um welchen Preis wahre Ergebnisse erzielt werden. Sie führt nicht nur die Leiden und die Ausbeutung der Massen vor Augen, sondern auch die Spuren, die diese in den Individuen hinterlassen. Aus zwei-drei untypischen Beispielen ein Ammenmärchen zu stricken, um dadurch einen überkommenen und seichten Humanismus zum Tagesordnungspunkt zu heben, kann niemals Teil dieser Literatur sein.

Ich habe keine Zweifel, dass diese Erzählung, die als Kritik gedacht ist, in gewissen Kreisen in Deutschland Gefallen finden würde. Nur für das Gleichgewicht von Unterwürfigkeit und Aggression, die jene Attribute in den Anführungsstrichen aufzwingen, die ich eingestreut habe, müsste ich sorgen.
Ende vorigen Jahres gab ich auf, dieses eigenartige Experiment durchzuführen. Ich las neulich den Roman von Füruzan "Die Granatapfelblüte von Berlin" und staunte nicht schlecht: in der Tat gelang diese Arbeit meiner Kollegin! Das Thema ist zwar anders, aber das Ergebnis ist gleich: eine alte Dame aus Berlin lernt von den Türken Menschlichkeit. Aus jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Buch: insbesondere wenn man sich ausmalt, dass es Deutsch gedacht und Türkisch geschrieben worden sein könnte.

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Türkische LIteratur: Tomris Uyar, Eine Erzählung, die nicht geschrieben werden konnte