
Dichter der Ikinci Yeni-Strömung:
Edip Cansever (08.08.1928 – 28.05.1986)
Gegen was genau die Strömung Ikinci Yeni – Zweite Neue - angetreten war, ist bis heute nicht eindeutig geklärt, denn sie formulierte kein Manifest, stellte keine, für alle geltende Regel auf. Vermutlich war das Leitmotiv nicht nur eine Erneurung der Literatur, sondern ebenso eine kritische politische und gesellschftaliche Haltung, die sich vor allem in der konsequenten Ablehnung bestimmter Ereignisse der Zeitgeschichte – allen voran ist der Vietnam Krieg zu nennen – ausdrückte. Immerhin wurde diese literarische Strömung in kurzer Zeit zur bedeutendsten der Türkei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, denn die brillantesten Dichter und Prosaisten betrachteten sich als Teil der Protestbewegung. Der Dichter Edip Cansever gehörte neben den ebenso hervorragenden Turgut Uyar (1927 - 1985) und Cemal Süreya (1931 - 1990) in den sechziger Jahren zu den bekanntesten Dichtern der Türkei. Die Gedichte dieser Dichter hatten die jungen Menschen auswendig gelernt - freiwillig. Ein anderer, höchst beliebter Dichter, der zu dieser zweiten Gegenbewegung gehörte, Melih Cevdet Anday (1915), hatte bereits die legendäre literarische Strömung Garip (Fremdartig), zusammen mit zwei Freunden – Orhan Veli Kanık und Oktay Rıfat Horozcu - ins Leben gerufen. Die Dichtung der Ikinci Yeni kehrte äußerlich zu den Formen klassischer Dichtung zurück und nahm sowohl osmanische als auch klassische europäische Dichtung zum Vorbild und verwendete sie geradezu perfekt. Diese äußere Perfektion sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Kern eine - im besten Sinne des Begriffes - moderne, sozial engagierte, poetische Weltanschauung stand.
Die handwerkliche Sorgfalt geht bei Edip Cansever wahrscheinlich auf ein exklusives Erlebnis zurück, das er selbst hervorhob: Bereits eine Handvoll Gedichte sein eigen nennend, rief den 18-jährigen Ahmet Hamdi Tanpınar, der hervorragende Literat, zu sich, las geduldig alles durch und sagte ihm, all dies sei wunderschön - nur eben kein einziges sei ein Gedicht. Die Macht der Form läßt Cansever danach nicht mehr los. Einzelne Gedichte, ganz im Sinne "volksnaher" Haltung der Zeit, erscheinen kontinuierlich ab 1944 in Zeitschriften wie Istanbul, Yücel, Fikirler, Edebiyat Dünyası, und sind geprägt von einer tiefgründigen Suche nach gesellschaftlichem Sinn. 1951 wagt er mit Freunden zusammen eine eigene Literaturzeitschrift herauszugeben: Nokta (Punkt), später folgen Yenilik (Neuigkeit) und Yeditepe (Siebengipfel). Die ersten zehn Jahre bringen kaum eine Resonanz, dies ändert sich aber 1954, als er das Band Dirlik Düzenlik (Perfekte Harmonie) veröffentlicht. Die Konzentzration von sozialem Engagement und Alltagssprache trifft den Nerv der Zeit. Sürrealistische Spuren, existenzialistische Sensibilität, vor allem aber eine "neue Hermeneutik" (neue Sinngebung) und die Erkundung der "Grenzen der Sprachlichkeit" treten in sein Blickfeld, der kern seiner späteren, reifen Dichtung ist bereits in diesen Gedichten spürbar. Im populären Gedicht Masa Da Masaymıº Ha (Der Tisch ist aber ein Tisch) sind diese Meilensteine eingeflochten: Adam yaºama sevinci içinde/Masaya anahtarlarını koydu/Bakır kâseye çiçekleri koydu/Sütünü yumurtasını koydu/Pencereden gelen ıºığı koydu/Bisiklet sesini çıkrık sesini/Ekmeğin havanın yumuºaklığını koydu/Adam masaya/Aklında olup bitenleri koydu/Ne yapmak istiyordu hayatta/ݺte onu koydu (Der Mann voller Lebensfreude/Legte den Schlüssel auf den Tisch/Stellte die Blumen in die Kupfervase/Legte seine Milch, seine Eier/Das durchs Fenster fallende Licht/Den Schall des Fahrrads und der Drehbank/Legte die Weichheit des Brotes und der Luft/Der Man auf den Tisch/Legte was in seinem Kopf vor sich ging/Was er in seinem Leben machen wollte/All das legte er hin).
Das Band Yerçekimli Karanfil (Nelke mit Gravitation), 1957, in dem vermehrt Cansever-typische Symbole sichtbar werden, löst sich weitgehend von der Einheit Form-Inhalt und der Dichter findet zu einer neuen Harmonie. Seine Gedichte werden jetzt weicher, individueller und die Liebe steht im Mittelpunkt, wie im berühmt gewordenen, gleichnamigen Gedicht: Biliyor musun az az yaºıyorsun içimde/Oysaki seninle güzel olmak var/Örneğin rakı içiyoruz, içimize bir karanfil düºüyor gibi/Bir ağaç iºliyor tıkır tıkır yanımızda/Midemdi aklımdı ºu kadarcık kalıyor (In Spuren lebst du in mir weißt du/Obwohl Schönsein mit dir existiert/Beispielsweise trinken wir Rakı, eine Nelke scheint in uns zu sinken/Neben uns knarrt ein Baum/Mein Magen, mein Geist so winzig).
Nach den Bänden Umutsuzlar Parkı (Park der Hoffnungslosen, 1958) und Petrol (1959), in denen inzwischen die Symbolik überwiegt, erscheint Nerde Antigone (Wo ist Antigone, 1961) und bringt dem Dichter höchsten Lob der Kritik. In diesem Zyklus wird der Faden, den er inzwischen formal auch zur Perfektion bringt, verstärkt: Die Unerheblichkeit des Seins gegenüber dem unendlichen Leid, eingefangen in eine universale, kaum noch türkisch wirkende Gleichnis. Im 19 Seiten umfassenden Klagelied Ne Gelir Elimizden Insan Olmaktan Baºka (Was können wir mehr tun als Mensch sein) definiert er den Menschen elegisch, als Ganzheit in der Ganzheit des Universums, doch geschieht dies in einer allegoriereichen, verschleierten Sprache, die sich erst nach Kenntnis seiner Symbolik entschlüsseln lässt. Die Entfremdung des Menschen in der Großstadt, die "nebeneinander leben, wie Fremde in einem Hotel", wird in den reifen Jahren ein dominierendes Thema. Der Widerspruch der perfekt wirkenden Oberfläche und der tiefliegenden Beunruhigung, der im Großstadtleben impliziert ist, kommt im Band Kirli Ağustos (Schmutziger August, 1970) zum Ausdruck. Angst wird zum dominanten Motiv und der Tod hält Einzug in die dunklen, schweren Gedichte der letzten Jahre. Die Zeit ist Medium der Orientierungslosigkeit, bietet sich an, sie zu verlassen. Im Schwanengesang Oteller Kenti (Die Stadt der Hotels, 1985) ist – im Gegensatz zum Ausgangspunkt - eine deutliche Spur Transzendenz spürbar, aber auch die Sehnsucht, sich mit der Natur zu vereinigen.
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