Die Türkei wird im deutschen Sprachraum kaum als schätzenswerte Literaturlandschaft betrachtet – nicht weil es an Übersetzungen mangelt, sondern ganz offenbar, weil das Interesse der Medien, der Fachwelt und der Literaturkritiker nur in spezifischen Zusammenhängen dafür zu wecken ist. Der FAZ Journalist W. G. Lerch nennt diese Literaturlandschaft „terra incognita“, unbekanntes Land, und betont selbst, dass zahlreiche Übersetzungen vorliegen, sie aber einem „beschämenden Schweigen“ der Medien zum Opfer fallen. (W. G. Lerch: Die Laute Osmans, München 2003)
Dennoch: Bereits zwei Autoren aus der Türkei wurden in Deutschland mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt: Yaşar Kemal (1997) und Orhan Pamuk. Wurde bei Yaşar Kemal bei der Preisvergabe seine Kritik an der Türkei in den Vordergrund gestellt, so lobte man bei Pamuk auch das Verbindende Element. Als im Sommer 2005 Pamuk der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt wurde, hieß es in der Begründung, dass er „wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht, einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründet.“ Des Weiteren wurde betont, dass in Pamuks Werk Europa und die muslimische Türkei zusammentreffen.
Das Werk Pamuks bringt seinen europäischen Lesern die Kultur der Türkei tatsächlich von einer bestimmten Warte aus näher. Pamuk selbst sieht sich in einer kulturhistorischen und literarischen Tradition eingebettet, die aus dem Westen ebenso schöpft wie aus dem Osten. Literarisch bewanderte Leser erkennen in Pamuks Romanen auf Anhieb Begeisterung für bzw. Bezüge zu großen Meistern europäischer, speziell auch deutscher Literatur. Wo aber liegen Orhan Pamuks Wurzeln in jenem märchenhaften, sagenumwobenen Osten, dem er sich kulturell so eng verbunden fühlt – wie er dies in jedem Interview ausdrücklich betont?