Türkische Literatur - eine der Tulpenzeitpalaeste in Istanbul

Die Tulpenzeit
1703-1730
Ihre kulturhistorischen und literarischen Auswirkungen

Die Türkei wird im deutschen Sprachraum kaum als schätzenswerte Literaturlandschaft betrachtet – nicht weil es an Übersetzungen mangelt, sondern ganz offenbar, weil das Interesse der Medien, der Fachwelt und der Literaturkritiker nur in spezifischen Zusammenhängen dafür zu wecken ist. Der FAZ Journalist W. G. Lerch nennt diese Literaturlandschaft „terra incognita“, unbekanntes Land, und betont selbst, dass zahlreiche Übersetzungen vorliegen, sie aber einem „beschämenden Schweigen“ der Medien zum Opfer fallen. (W. G. Lerch: Die Laute Osmans, München 2003)

Dennoch: Bereits zwei Autoren aus der Türkei wurden in Deutschland mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt: Yaşar Kemal (1997) und Orhan Pamuk. Wurde bei Yaşar Kemal bei der Preisvergabe seine Kritik an der Türkei in den Vordergrund gestellt, so lobte man bei Pamuk auch das Verbindende Element. Als im Sommer 2005 Pamuk der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt wurde, hieß es in der Begründung, dass er „wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht, einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründet.“ Des Weiteren wurde betont, dass in Pamuks Werk Europa und die muslimische Türkei zusammentreffen.

Das Werk Pamuks bringt seinen europäischen Lesern die Kultur der Türkei tatsächlich von einer bestimmten Warte aus näher. Pamuk selbst sieht sich in einer kulturhistorischen und literarischen Tradition eingebettet, die aus dem Westen ebenso schöpft wie aus dem Osten. Literarisch bewanderte Leser erkennen in Pamuks Romanen auf Anhieb Begeisterung für bzw. Bezüge zu großen Meistern europäischer, speziell auch deutscher Literatur. Wo aber liegen Orhan Pamuks Wurzeln in jenem märchenhaften, sagenumwobenen Osten, dem er sich kulturell so eng verbunden fühlt – wie er dies in jedem Interview ausdrücklich betont?

Türkische Literatur - Historische Istanbuler Gebäude von Melling

Spüren wir dieser Frage nach, um gleichsam einer Literatur auf die Spur zu kommen, die nicht nur Orhan Pamuk, sondern viele andere Literaten von Weltrang hervorgebracht hat, auch wenn diese im Westen, besonders im deutschen Sprachraum, kaum bekannt werden, geschweige denn Anerkennung finden konnten.

Das Zauberwort der aufkeimenden türkischen Literatur, die im 19. Jahrhundert - zeitlich etwas verzögert - die brandneuen Tendenzen der europäischen Literaturen, allen voran der französischen Literatur, aufgriff und auf der ihr eigenen Weise ausformte, heißt: Europäisierung. Eine erste und tatsächlich bedeutende Welle der Begeisterung für Europa und insbesondere für Frankreich ging mehr als ein Jahrhundert zuvor höchstpersönlich von einem Sultan aus: Ahmed III. (1703 -1730). Von der Sehnsucht nach Schönheit aber genauso nach technischem Fortschritt profitierten in dieser 27 Jahre währenden Phase auch Kultur und Wissenschaft, und die Nachwirkungen führten schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts zu der Reformzeit und zu der entschlossenen Einleitung einer Europäisierung.

Türkische Literatur - Sultan Ahmed III.

Funken französischen Glanzes entfachten in Sultan Ahmet III. eine neue Leidenschaft: Nicht der Luxus allein, auch die glanzvolle Lebensart des Sonnenkönigs Louis XIV. inspirierten den osmanischen Hof und gaben zum Bau des Schlosses Saadâbad im grünen Stadtteil Kâgıthane in Istanbul Anlass. Ahmed III. gab 1726 den Befehl, das Schloss zu erbauen, das ein Abbild des französischen Originals in Versailles werden sollte. Er ließ für die exklusiven Ziergärten Blumen, insbesondere Tulpen, aus Europa bringen, was dieser Ära den Namen verlieh. Lâle devri - die "Tulpenzeit" - brachte eine ungeahnte Belebung und Vitalität in die Monotonie der abgeschotteten Gesellschaft, zumindest für die Oberschicht:

Türkische Literatur - EIne Jagdszene aus Saadabad - Bild: Jean Baptiste

"Saadâbad und seine Umgebung blühten in Kürze auf. Beide Ufer des Flusses füllten sich mit eleganten, weißen Schlösschen. Diese Schlösschen gehörten allesamt hohen Beamten des Hofes. Saadâbad war ein wahres Ebenbild vom Versailles des Louis XIV.
[...] Die Pläne wurden aus Paris seitens Monsieur Lenoir, dem Dolmetscher der Französischen Botschaft, gebracht, und es wurde sogar ein Werk, das Istanbul schildert, verfasst.

[...] Zusammen mit den Mitgliedern des Palastes haben auch die diplomatischen Corps die Vergnügungen und glanzvollen Bewirtungen mitgestaltet. Seit der Thronbesteigung Ahmed III. kamen so bedeutende Botschafter wie Ferriel, Des Ailleurs, De Bonnac und Andrezel nach Istanbul und verliehen der Botschaftsresidenz Louis XIV. in Beyoğlu, Glanz."
(Ahmet Refik: Lâle Devri.)

Türkische Literatur - Der Thron Sultan Ahmed III.

Sultan Ahmed III. – als Dichter Necip und als Kalligraph ebenfalls bekannt - war nach langen Jahrhunderten der erste osmanische Herrscher, der einen kulturellen Austausch zwischen Ost und West förderte. Nur die Tulpen, die nicht nur Leidenschaften entfachten, sondern dieser Zeit auch den Namen gaben, hatten kaum ein Jahrhundert zuvor zusammen mit anderen schönen und wohl duftenden Blumen wie Flieder, Hyazinthen, Narzissen von der Türkei aus ihre Reise nach Europa angetreten.

Türkische Literatur - Der berühmte Brunnen Sultan Ahmed III.

Aus der Perspektive der Literatur wirkte die Tulpenzeit insbesondere für zwei Phänomene als Initialzündung. Das eine Ereignis war eine Reise nach Paris, das andere die Etablierung der ersten türkischen Druckerei.
Als Botschafter des Sultans waren Yirmisekiz Mehmet Çelebi Efendi (?-1732) und sein Sohn Said Efendi (?-1761) bis 1721 ein Jahr lang in Paris. Yirmisekiz Mehmed Çelebi Efendi, selbst ein sog. „devşirme“, also ein im Kindesalter geraubter Christ, der im Kernland als Janitscharenzögling aufwuchs, verfügte über eine besondere Gabe: Er wusste zu beobachten, zu sehen und zu erkennen – wie der Literat und Kulturhistoriker Ahmet Hamdi Tanpınar feststellt. Dieser staatsmännische Botschafter in Paris erkannte sehr wohl die technische und zivilisatorische Überlegenheit Frankreichs, und statt in Selbstlob zu ergehen – wie etwa 140 Jahre zuvor der Reisende und Chronist Evliya Çelebi im Windschatten des Wien-Feldzuges tat -, schilderte er seine Beobachtungen mit der Präzision eines Bürokraten.

Die Eindrücke der Reise schilderte Mehmed Efendi in seinem berühmten Buch Paris Sefaretnamesi (Pariser Botschaftsbericht). Obwohl das Werk dem Sultan persönlich die Ergebnisse referieren sollte, wurde es in kurzer Zeit zu einer beliebten Lektüre in der Oberschicht, denn daraus erfuhr man wie am französischen Hof gelebt wurde. So gesehen ist dieser Bericht eines der ersten Prosawerke der türkischen Literatur und bildet einen Auftakt in eine neue Richtung. Tanpınar erkennt sehr richtig die Schlüsselrolle dieses Werkes:
"Kein Buch in der Geschichte unserer Europäisierung nimmt eine solch wichtige Rolle ein wie dieser kleine »Botschaftsbericht«. In beinahe jeder Zeile dieses Buches, das dem Leser den Eindruck des Wechsels von Atmosphäre und Charakteristikum wie in »Tausendundeiner Nacht« vermittelt, wird der Gedankenfaden eines Vergleiches latent mitgeführt. In Wirklichkeit ist in diesem Botschaftsbericht ein Gesamtprogramm verborgen."
Der Name der Çelebis steht in diesem kulturhistorischen Frühling der Türkei für einen weiteren Meilenstein: Die Gründung der ersten osmanischen Druckerei.
Ibrahim Müteferrika (1674 – 1745) war aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls ein „devşirme“, ein im jungen Alter geraubter Christ aus Siebenbürgen, der zum Islam konvertierte. Sein Name wird am häufigsten mit der Gründung der „ersten osmanischen Druckerei“ in Verbindung gebracht, dabei war die Druckerei eigentlich „nur“ das handwerkliche Rüstzeug, mit dem er seine tatsächliche, aufklärerische Zielsetzung verwirklichen wollte und konnte: Die Veröffentlichung einer ganzen Reihe von Werken, die man als geistiges Grundgerüst und als Grundkanon einer in eine neue Richtung - nach Europa - aufbrechenden osmanischen Gesellschaft betrachten kann.
Die Nachricht von der Gründung der türkischen Druckerei verbreitete sich im Westen Europas in Windeseile. Die Reformbestrebungen Sultan Ahmed III., die kulturelle Öffnung und der Aufschwung wurden in Europa mit Interesse verfolgt und den Produkten der Druckerei sollte eine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden.

Türkische Literatur - Ein Bild aus der Tulpenzeit

Der staatspolitisch bedeutende Begriff Nizam-i Cedid (Moderne Ordnung), der bis zum Reformzeitalter (ab 1839) auf seine Umsetzung warten musste, hält mit diesem Aufklärer Einzug ins osmanische Bewusstsein, nämlich in Müteferrikas Hauptwerk Usul-ül hikem fi nizam-ül ümem (Prinzipien der Führung des öffentlichen Lebens): Es handelt sich um den Entwurf einer modernen Gesellschaftsordnung, die auf einer korrekten, strengen Gesetzgebung, auf einer disziplinierten, ausgebildeten und technisch adäquat ausgestatteten Armee, insbesondere aber auf einer gottesfürchtigen Führung basiert. Tanpınar nennt dieses Werk ein "Manifest der Europäisierung".

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Türkische Literatur: Die Tulpenzeit