GEDICHTE

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YAHYA KEMAL BEYATLI:
Am Horizont des umkehrlosen Abends
(Dönülmez Aksamin Ufkundayiz)

Am Horizont des umkehrlosen Abends
sind wir. Es ist schon spät.
Der letzte Abschnitt ist es, o mein Leben -
vergeh es, weil´s vergeht.
Selbst wenn wir davon träumten, einmal wieder
zur Welt zu kommen -
Mit einer solchen Hoffnung wollen wir uns
doch nicht vertrösten.
Wenn wir das Tor, das seine weiten Flügel
ganz schwarz ins Leere
Auftut und hinter dem die Sonne niemals
mehr aufgehn wird,
Durchschreiten, wird die stille Nacht beginnen,
die niemals endet.
(Übersetzung: Annemarie Schimmel)

NAZIM HIKMET RAN
Orient - Okzident
(Sark - Garp)

(An Pierre Loti)
für den Tag der Befreiung des versklavten Orientalen

»Geheimnis!
Gottvertrauen!
Kismet!
Holzgitter, Karawanserei, Karawane,
Brunnenanlage!              
Silber, die auf Tabletts tanzende Sultanin!
Maharadscha, Padischah,
Schah von tausendundeinem Jahr.
An den Minaretten hängen perlmuttbestickte Pantinen,
und Frauen mit hennagefärbten Nasen
besticken mit ihren Füßen einen Rahmen.
Vorbeter mit grünen Bärten rufen durch den Wind zum Gebet!«
Das ist der Orient, wie ihn der französische Dichter sah!
Das ist
der Orient
der Bücher.
von denen pro Minute eine Million gedruckt werden!
Doch
es gab
weder gestern
noch gibt es heute
so einen Orient und es wird ihn
auch morgen
nicht geben!
Der Orient ist
die Erde,
auf der nackte Sklaven
vor Hunger krepieren!
Ein Land, das - mit Ausnahme der Orientalen -
das Gemeingut aller ist!
Ein Landstrich, wo der Hunger aus Not stirbt!
Ein Speicher,
der bis zum Rand voll Weizen ist!
Der Speicher Europas!
Asien!
Man hängt deine Chinesen
an den Drahtmasten amerikanischer Schlachtschiffe
wie gelbe Kerzen!
an ihren langen Haaren auf!
Auf dem höchsten,
dem steilsten,
dem am meisten mit Schnee bedeckten
Gipfel des Himalaya
lassen die britischen Offiziere eine Band aufspielen
und halten ihre Füße mit den schwarzen Nägeln
in den Ganges,
in den die Parias ihre weißzähnigen Toten werfen.
Anatolien wurde von einem Ende zum anderen
Armstrongs
Exerzierplatz.
Asien reicht es bis zum Hals.
Der Orient
wird dies alles
nicht länger hinnehmen.
Wir haben es bis zum Überdruß satt.
Selbst wenn einer von euch
unseren verhungernden Ochsen
wieder zum Leben erwecken könnte,
soll er sich, falls er ein Bourgeois ist,
nicht bei uns blicken lassen.
Ja, auch du nicht,
du, Pierre Loti.
Selbst die Typhuslaus,
die, eine nach der andern,
unsere gelbliche Wachshaut
heimsucht,
ist uns noch näher als du,
französischer Offizier.
Du, französischer Offizier,
hast jene Aziyadeh mit ihren Traubenaugen
noch schneller vergessen
als eine Hure.
Den Stein für Aziyadeh,
den du in unser Herz stelltest,
hast du beschossen wie eine hölzerne Zielscheibe.
Wer es noch nicht weiß,
soll es erfahren:
du bist nichts als ein Scharlatan.
ein Scharlatan! ...
Pierre Loti,
der vermoderten französischen Stoff
mit einem Profit von fünfhundert Prozent an den Orient verkauft!
Was für ein Schwein von Bourgeois bist du...
Wenn ich neben der Materie auch noch an die Seele glaubte,
würde ich am Befreiungstag des Orients
deine Seele
an der Galata-Brücke ans Kreuz nageln
und vor ihr eine Zigarette rauchen.

Ich reichte euch meine Hand,
wir reichten euch unsere Hände,
umarmt uns
ihr Besitzlosen Europas!
Treiben wir unsere Pferde an, reiten wir Seite an Seite.
Das Ziel ist nah
Seht,
die Tage bis zur Befreiung sind gezählt.
Das kommende Jahr der Revolution im Orient
winkt uns mit seinem blutigen Taschentuch!
Unsere roten Pferde
trampeln mit ihren Hufen dem Imperialismus auf den Bauch!...
(Übersetzung: Helga Dagyeli-Bohne + Yildirim Dagyeli)

YAHYA KEMAL BEYATLI:
Göttliches Istanbul
(Aziz Istanbul)

Von einem Hang blickt´ich gestern auf dich göttliches Istanbul!
Kein einziger Platz, den ich nicht gesehen, erkundet und geliebt.
Stell dich auf den Thron in meiner Seele, so lange ich leb´!
Es ist ein Leben wert zu lieben einen Stadtteil von dir nur.

Zahlreich die glanzvollen Städte auf der Welt,
Du aber schufest Anmut bezaubernd.
Den schönsten und längsten Traum, sag´ich, hat gesehen
Der viele Jahre gelebt, gestorben, ruht in deiner Erde.
(Übersetzung: Beatrix Caner)

AHMET HAMDI TANPINAR:
Weder bin ich in der Zeit
(Ne icindeyim Zamanin)

Weder bin ich in der Zeit
Noch gänzlich außer ihr,
In der unteilbaren Strömung
Des einen, ewigen Augenblicks.

Den Farben eines fremdartigen Traumes
Scheinen die Formen zu entsprechen,
Eine Feder, wiegend in dem Winde
Ist nicht leichter als ich.

Mein Kopf, die Stille mahlende
Unendliche Mühle.
Mein Inneres, der erleuchtete,
Mittel- und stellenlose Derwisch.

Ich spüre wie die Wurzeln der Welt
In mir sich umschlingen,
Ich schwimme inmitten
Eines blauen, tiefblauen Lichtes.
(Übersetzung: Beatrix Caner)

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YUNUS EMRE
Wenn ich als Freund beim Freunde bin

Wenn ich als Freund beim Freunde bin,
So hab ich einen Freund hier nicht,
Die andern schauen lachend hin,
Sie gönnen einen Gruß mir nicht.

Will Freund beim Freunde sein allein,
Will vor dem Tod gestorben sein,
Will opfern gern die Seele mein,
Ein Rest bleibt von der Welt mit nicht.

Ein armer Liebender bin ich

Ein armer Liebender bin ich,
Vom Kopf bis Fuß deckt Wunde mich,
Bin Tor, besessen sicherlich,
Verstand ist länger bei mir nicht.

Man glaubt, dass ich ein Narr sein mag -
Bin Nachtigall in Freundes Hag
Des Herren Knecht gering und zag
Und einen Wert gibt man mir nicht.

Was sag ich, Yunus, nun im Land?
Aus dieser Welt bin ich gewandt,
Zum Freunde geh ich liebentbrannt,
Und Schleier gibts für mich hier nicht.
(Übersetzung: Annemarie Schimmel)

KEMALETTIN KAMU
Fremde ist so bitter

Fremde ist so bitter, dass
Alles, was da ist in mir,
Trägt für mich ein anders Maß
Ist mir fremd, so fremd allhier.

Keinen Wunsch, kein Hoffen mehr,
Eine Hand nur, die zerbricht -
Ich bin in der Fremde nicht:
Ach, die Fremde ist in mir.
(Übersetzung: Annemarie Schimmel)

FAZIL HÜSNÜ DAGLARCA
Über die Welt

Hier, in Indien und in Afrika
Gleicht jedes doch dem andern.
Hier, in Indien und in Afrika,
Die gleiche Liebe zum Korn,
Nur ein Gedanke vorm Tod

Es rede einer, was er nur mag,
Aus seinen Augen versteht man ihn.
Es rede einer, was er nur mag,
Was ich vernehme, die Winde sind´s,
Die er gehört.

Getrennt voneinander wir Menschen hier,
Unser Glück zerteilen der Länder Grenzen.
Im Himmel der Vögel Brüderlichkeit
In der Erde, der Würmer...
(Übersetzung: Annemarie Schimmel)

ORHAN VELI KANIK
Reise

Ich hab nicht  vor, auf Reisen zu gehn,
Aber wenn ich so was unternehmen sollte,
Führe ich gradewegs nach Istanbul.
Wenn du mich in der Tram nach Bebek sähst,
Was würdest du dann wohl tun?
Jedoch, wie bereits gesagt,
Hab ich nicht vor, auf Reisen zu gehn.
(Übersetzung: Annemarie Schimmel)

OKTAY RIFAT HOROZLU
Mein Brot auf dem Knie

Mein Brot auf dem Knie,
Die Sterne ferne, ganz fern.
Die Sterne betrachtend ess’ ich mein Brot
Ich bin so versunken, dass ich wohl auch
Mich manchmal irre und statt des Brots
Sterne verzehre.
(Übersetzung: Annemarie Schimmel)

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