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Angst, Sprache und die Entstehung von Faschismus
Um die Achse "Angst-Sprache" baut Karasu seinen experimentellen Roman Die Nacht auf, der eine
Meisterleistung der türkischen Literatur ist. Die Besorgnis über die faschistoide Marschrichtung der ganzen Welt war dabei nur ein Teil der Veranlassung zu diesem Roman, denn Karasu verlagerte das Hauptgewicht auf die tiefenpsychologischen Reaktionsketten: Die auf einfache Stimulierung entfesselbare, immergleiche, egoistische Angstreaktion des Menschen, die in ihrer Wiederholung und beliebiger Manipulierbarkeit offensichtlich immer wieder von Diktatoren genutzt werden kann. Angst macht die
Menschen anfällig für Abhängigkeiten, Sprache ist oft Träger uralter Vorurteile und sie ist auch ein Mittel der Manipulation. So gesehen ist diese Themenkombination explosiver Stoff, trägt bis heute höchste Brisanz
und bleibt aktuell. Da am Anfang bekanntlich das "Wort" war, führt auch der Autor das erste Glied der Kette auf die Sprache zurück, in der sich uns Wirklichkeit erschließt: Sprache schafft Realitäten. Karasu
spielt mit den Elementen der Literatur, des Themas, überläßt es dem Leser, daraus sein eigenes Ganzes zu bauen. Der Leser kann den Weg der Etablierung eines Unterdrückungssystems nachvollziehen, sich dagegen wappnen. Die
einzige Frage, die bleibt und den Schluß bildet ist, ob dies alles aufzuschreiben vor dem Wahnsinn bewahrt. 1994 beantwortete Bilge Karasu diese Frage in den USA, als ihm der Pegasus-Literaturpreis für den besten ausländischen
Roman verliehen wurde, mit "Nein". "Der Literat konstruiert. Was aber tut der Leser? Weiß er was er tut?" Bilge Karasu, der diese Frage fordernd in den Raum stellte, drängt den Leser in diesem Roman auf
vielen Ebenen zum Antworten: Als er ihn in ein sprachliches Labyrinth lockt und in rätselhaften Koordinaten einen neuen Sprach-Raum des Romans initiiert, als er ihn in ein dunkles Reigen animalischer Abgründe der organisierten
Angst führt, als er die Entweihung des geheiligten Begriffes "Mensch" zelebriert, entzieht er ihm seine wissend-führende Hand immer mehr und liefert ihn seinem Gewissen aus. Gerade jene Sicherheiten, die die großen
"Schriftreligionen" (Judentum, Christentum und Islam) den Menschen suggerieren und auferlegen, werden substantiell in Frage gestellt und ihre grundsätzlichen Fragen bildhaft-anachronistisch in unsere Zeit
versetzt. Die Sprache Bilge Karasus ist ein literarischer Hochgenuß, der Roman eine Bereicherung - ein Lesevergnügen allerersten Ranges.
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