Tuerkische Literatur - Literaturca Verlag
Die Nacht

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Bilge Karasu:
Die Nacht

Roman, deutsche Erstausgabe

Übersetzung aus dem Türkischen und Nachwort: Beatrix Caner
231 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Schutzumschlag
EUR 17,40
ISBN 3-935535-01-5

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Angst, Sprache und die Entstehung von Faschismus

Um die Achse "Angst-Sprache" baut Karasu seinen  experimentellen Roman Die Nacht auf, der eine Meisterleistung der türkischen Literatur ist. Die  Besorgnis über die faschistoide Marschrichtung der  ganzen Welt war dabei nur ein Teil der Veranlassung zu diesem Roman, denn Karasu  verlagerte das Hauptgewicht auf die tiefenpsychologischen Reaktionsketten: Die auf einfache Stimulierung  entfesselbare, immergleiche, egoistische Angstreaktion des Menschen, die in ihrer Wiederholung und beliebiger Manipulierbarkeit offensichtlich immer wieder von Diktatoren genutzt werden kann. Angst macht die
 Menschen anfällig für Abhängigkeiten, Sprache ist oft Träger uralter Vorurteile und sie ist auch ein Mittel der Manipulation. So gesehen ist diese Themenkombination explosiver Stoff, trägt bis heute höchste Brisanz und bleibt aktuell.
 Da am Anfang bekanntlich das "Wort" war, führt auch der Autor das erste Glied der Kette auf die Sprache zurück, in der sich uns Wirklichkeit erschließt: Sprache schafft Realitäten. Karasu spielt mit den Elementen der Literatur, des Themas, überläßt es dem Leser, daraus sein eigenes Ganzes zu bauen. Der Leser kann den Weg der Etablierung eines Unterdrückungssystems nachvollziehen, sich dagegen wappnen.
Die einzige Frage, die bleibt und den Schluß bildet ist, ob dies alles aufzuschreiben vor dem Wahnsinn bewahrt. 1994 beantwortete Bilge Karasu diese Frage in den USA, als ihm der Pegasus-Literaturpreis für den besten ausländischen Roman verliehen wurde, mit "Nein".
"Der Literat konstruiert. Was aber tut der Leser? Weiß er was er tut?" Bilge Karasu, der diese Frage fordernd in den Raum stellte, drängt den Leser in diesem Roman auf vielen Ebenen zum Antworten: Als er ihn in ein sprachliches Labyrinth lockt und in rätselhaften Koordinaten einen neuen Sprach-Raum des Romans initiiert, als er ihn in ein dunkles Reigen animalischer Abgründe der organisierten Angst führt, als er die Entweihung des geheiligten Begriffes "Mensch" zelebriert, entzieht er ihm seine
wissend-führende Hand immer mehr und liefert ihn seinem Gewissen aus. Gerade jene Sicherheiten, die die großen "Schriftreligionen" (Judentum, Christentum und  Islam) den Menschen suggerieren und auferlegen, werden substantiell in Frage gestellt und ihre grundsätzlichen Fragen bildhaft-anachronistisch in unsere Zeit versetzt. Die Sprache Bilge Karasus ist ein literarischer Hochgenuß, der Roman eine Bereicherung - ein Lesevergnügen allerersten Ranges.

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