|
Der Große Kampf um eine bessere Literatur: Als Nurullah Atac im Jahre 1955 in der legendären türkischen Literaturzeitschrift Varlik eine Folge von kulturkritischen Essays zu publizieren begann, stieß er die heftigste Auseinandersetzung auf dem Gebiet der türkischen Literatur an. Zwischen Oktober 1955 und Februar 1956 erschien unter dem Titel Prospero ile Caliban (Prospero und Caliban) die fundierte Bestandsaufnahme des stark westlich orientierten Atac, der damit die bis heute weitestgehend tabuisierte Problematik der türkischen Intelligenzia zur Sprache gebracht hatte: Über welche Art von Wissen verfügen die Wissensvermittler - Lehrer ebenso wie “Künstler” und “Literaten” -, die das "unwissende Volk" zu belehren sich so sehr berufen fühlen? Haben diese Lehrer und “Literaten” eine Spur von Selbstkritik? Der Titel der Essayreihen, der konkreter Bezug auf Shakespeares Werk Der Sturm ist, lieferte die gegensätzlichen Figuren: den Zauberer Prospero, der hier den türkischen Intellektuellen symbolisiert, sowie Caliban, der das "unwissende" Volk verkörperte. Die schweren Lücken und Fehlgriffe im Bildungssystem, nicht minder schwere Entgleisungen in der Literatur, genauso der Zerfall der Alltagskultur griff Atac mit schärfster Zunge an. Tatsache ist, dass er heftig provoziert hatte und eine wenig schmeichelnde Konklusion anzubieten hatte: er war zum Schluss gekommen, dass die Türkei über keine "Prosperos" verfüge, Lehrer wie Belehrte seien Calibans. Im Visier hatte Atac dabei zwei Ziele: zum einen das Volk, das sich jeder Autorität blindlings auszuliefern jederzeit bereit schien, zum anderen einige der Absolventen der Dorfinstitute. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg war die blinde Autoritätsgläubigkeit der Menschen ein Thema einiger, sich betroffen fühlender Intellektuellen auch in der Türkei, die sich “heimatlos” nannten und vor der Wiederholbarkeit menschenvernichtender Systeme warnten, dabei aber kaum mit der Solidarität der Massen rechnen konnten. Auf der anderen Seite scheute Atac nicht davor zurück, die heilige Kuh "Dorfinsitute" in Frage zu stellen. Die Dorfinstitute wurden gegründet, um die zu 90% aus Analphabeten bestehende Volk nach der Republiksgründung in Blitzkursen auszubilden. Nach einigen Jahren schon gab es nicht nur Handwerker und Lehrer, sondern auch dutzende von “Literaten”, die sich selbst als Maßstab betrachteten und beinahe alles vor ihnen dagewesene in Abrede stellten. Atac griff vor allem übermächtige Persönlichkeiten namentlich an und stellte sie als machthungrig an den Pranger. Die Reaktion war eine erboste Aufregung, die ihresgleichen in der Geistesgeschichte der Türkei sucht. Die gleichgeschalteten Absolventen starteten eine unbarmherzige Kampagne gegen Atac und wollten ihn zwingen, seine Aussagen zu widerrufen. Atac antwortete mit einer Bekräftigung seiner zutreffenden Diagnose und nannte sie in seinem Artikel Yanit (Antwort, in Varlik, 01. Juli 1956) Halbgebildete. Wissen, schrieb Atac, könne man nicht stets komprimiert und in kleinen Happen aus zwieter Hand beziehen. Shakespeare, Homeros, Dante, usw., sind nicht zu "lehren", sondern müssen gelesen und selbst erarbeitet werden. Zwar hatte Atac schon nach den ersten Reaktionen einen Herzanfall erlitten und blieb in diesem Kampf - zumindest für seine Zeit - der Unterlegene, einen Sinn hatte diese Wagnis aber doch: er hatte mit diesem Vorstoß den Weg für einen qualitiven Quantensprung in der türkischen Literatur geebnet, die ausgrenzende Alleinherrschaft der "Dorfliteratur" erfolgreich in Frage gestellt und neuen, jungen Talenten zu einem Durchbruch verholfen.
|