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EIN MEISTERWERK DER ROMANKUNST: ARABA SEVDASI Der Roman Araba Sevdasi ist - neben seiner natürlichen Rolle als literarisches Werk - ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie durch erneute Betrachtungen nach beinahe 100 Jahren neue, für den heutigen Leser spannende Wertungen entstehen können und per se ein Plädoyer für die Beschäftigung mit der literarischen Tradition. Eine erste, treffende Würdigung stammt aus der Feder Ahmet Hamdi Tanpinars, der auf einige Charakteristika Hinweise gab und der die parodistischen, ironischen, unterhaltenden Züge unterstrich. Tanpinar diagnostizierte als erster "eine starke Anti-Poetik" in diesem Roman. Er sah darin eine Antwort sowohl auf beliebte türkische Werke (insbesondere nahm er Stücke von Hamid auf die spitze Feder) als auch auf einige europäische Autoren (z. B. Lamartine). Auch die kurzlebige, sinnlose Verpuffung seichter Existenzen, die für die Zeit so typisch geworden sind, sieht Tanpinar im Rahmen einer umfassenden Gesellschaftskritik eingebunden. Unübersehbar aber vor allem ist jene Spaltung, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die türkische Gesellschaft teilen. Tanpinars Konklusion ist, daß das Werk eine antiromantische Haltung Ekrems manifestiert. "BEWUSSTSEINSSTROM" Nachdem dieser Roman lange als "abgehandelt" galt, hat der Anglist Berna Moran die Schreibtechnik einer gründlichen Untersuchung unterzogen. Er stellte als erster fest, daß Ekrem für die Beschreibung der Hauptfigur verschiedene, und vor allem eine weltweit neue Technik benutzt hat. Der Wechsel der Perspektive ist ein handwerkliches Merkmal, das für die türkische Literatur neu war. Als Autor, in dritter Person, beschrieb Ekrem Bihruz Bey als wissender Beobachter von außen. Bei der zweiten Perspektive, der inneren Schilderung in erster Person, verwendete er allerdings weitere zwei Methoden: Zum einen den inneren Monolog, bei dem volle und grammatisch korrekte Sätze die Gedanken Bihruz Beys wiedergeben. Zum anderen den Bewußtseinstrom. Diese Technik, die in der europäischen Literatur erstmalig 1887 verwendet, jedoch nicht sofort entdeckt wurde, kann Ekrem nicht gekannt haben, zumal er seinen Roman 1886 geschrieben hat. Berna Moran bedauert in diesem Zusammenhang, daß von den Turkologen nicht erkundet wurde, daß Ekrem diese neue Technik eingeführt hat; zum anderen waren türkische Literaten seiner Zeit von seinem Schreibstil nicht beeinflußt. DIE KUNST DES VERSTEHENS Nach dieser technisch geprägten Analyse Berna Morans gelang es der Wissenschaftlerin Jale Parla eine fesselnde und zugleich tiefgehend "entlarvende" Wertung des Romans in den Raum zu stellen und damit ein Meisterwerk neu zu definieren. Sie führt wissenschaftlich und unterhaltsam aus, wie jedes Wort, jede Aussage in diesem Roman eine Parodie auf bestimmte Werke der Weltliteratur sowie auf die damalige türkischen Literatur ist, und gleichzeitig eine Parodie der Lebensweise der jungen osmanischen Erben jener Zeit, deren Lebenssinn sich in der Nachäffung Europas erschöpft. Eine philosophische Idee, die sich in dieser Zeit des Verfalls real sichtbar wird, kommt zum tragen: Alles, was früher einen tradierten Wert hatte, ist jetzt Nichts. Alles zerrinnt zum sinnentleerten Nichts, wenn auch nicht sinnlos aber doch ohne tieferen Sinn. Alles aus diesem modernen Umfeld stellt Ekrem in Frage und alles versiegt in seiner Hand, von nichts bleibt eine Spur zurück - bis hin zum Leben und zum eigenen Roman! Laut Parla ist der Roman eine Parodie des Schreibens und des Lebens - in beiden Bereichen sind Handlungen zu Taten- und Wirkungslosigkeit verurteilt. Jede Nachahmung bleibt erfolglos und jedes Gefühl gerät zu alberner Gefühlsduselei, jeder Traum wird zu Nichts - all dies vor der Kulisse des Denkchaos dieser morbid-neuen Zeit. Bihruz Bey ist nicht in der Lage sein eigenes, türkisches Leben zu leben, er bildet sich ständig ein, gerade diese oder jene Figur eines gelesenen europäischen Romans zu sein. Mal steht er unter dem Einfluß von Manon Lescaut, mal von Graziella oder der Kameliendame. Deshalb glaubt er, daß die Frau, in die er sich verliebt hat, nicht an Typhus gestorben sein kann, denn "solch edle Körper sterben nur an Siechtum". Während er die eigene, türkische Sprache nur als grob empfindet und der Ansicht ist, diese sei für Poesie nicht geeignet, spricht er das Französische plump-primitiv, dreht jedem Wort den Hals um. Er huldigt europäischen Sprachen und steht alles Europäischem kritiklos gegenüber, gleichzeitig tritt er Schätze aus der osmanischen Kultur mit den Füßen, weil er sie nicht versteht und nicht kennt - dies bietet dem Autor viel gutgenutzten Raum für verbale und situative Komik. Zahlreiche Details entblößen die oberflächliche Ungebildetheit Bihruz Beys - auch wenn er dies mit dem Französischen zu kaschieren versucht, was ihn nur doppelt lächerlich macht: In seinem Bücherregal steht zum Beispiel Rousseau´s Nouvelle Héloise neben "Secretaire des Amants" - wertvolles neben wertlosem. Die Figuren reden nebeneinander her - mehr als nur Situationskomik ist darin verborgen -, Türkisch und (vermeintliches) Französisch sowie die jeweils anderen "Sprachen" der verschiedenen Schichten und Welten. Kommunikation kommt nicht zustande, weil durch die Sprache, durch die Wörter, keine gemeinsame Basis zu finden ist. Und beinahe unbemerkt, in einem einzigen Satz, konzentriert sich die Hauptaussage des Romans (der Wittgensteins Gedanken vorwegnimmt): "Die Worte bilden nicht die Dinge ab." Den Betrachtungen Parlas hinzugefügt werden kann die Kulisse - die Ekrem sicher auch impliziert hat -, vor der ihre zutreffenden Betrachtungen tieferen Sinn erlangen: Jenes neu einziehende merkantilistische System, dem es gelingt den Menschen zur passiven, kritik- und zwecklos konsumierenden Marionetten, und das Leben zu einer diffusen, verklärten und hohlen Attrappe umzupolen.
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