
Bilge Karasu (1930-1995) wurde, nachdem er 1991 in den USA mit dem Pegasus-Preis als bester ausländischer Literat der vergangenen 10 Jahre ausgezeichnet worden war, als der ”türkische Kafka” bezeichnet und gefeiert. Als eine(n) zeitgenössische(n) Penelopé sah ihn die türkische Literaturkritikerin und Philosophin Füsun Akatlı.
Doch wie so oft geschehen, geben Vergleiche nur einen Teil der Person wider: Der sensible Künstler war unverwechselbar Bilge Karasu, der seiner ”Heimat Türkisch” geradezu leidenschaftlich verpflichtet und treu war, obwohl Türkisch nicht seine Muttersprache und auch nicht die einzige Sprache war, die er auf einem hohen literarischen Niveau beherrschte.
Ein besorgter intellektueller Warner - ein anspruchsvoller türkischer Literat: Bilge Karasu war eine herausragende Figur der türkischen Avantgarde und schrieb experimentelle Literatur von universaler Thematik.
Die nach dem Tod Karasus in der Türkei aufgeflammte Diskussion, ob dieser geniale Literat weltweit berühmt geworden wäre, wenn er Englisch oder eine andere ”Weltsprache” zum Schreiben benutzt hätte, entbehrt nicht einer großen Portion Wahrheit und zugleich bitterer Ironie und veranlasst zu der Frage, ob er unbekannt blieb, bleiben musste, weil er konsequent in türkischer Sprache schrieb? Karasu selbst wurde in Westeuropa immer wieder mit Vorurteilen gegenüber der türkischen Literatur konfrontiert, wobei sein “ungewohnt” hohes literarisches Niveau mit Überraschung quittiert wurde. Worauf er mit der Frage antwortete: “Was ist Ihre Erwartung an die türkische Literatur?”

Bilge Karasu selbst betrachtete die Welt mit anderen Augen, Ruhm war kein Wertmaßstab, mit dem er Menschen oder Phänomene gemessen hätte. Er blieb bescheiden - und genial.
1930 in Istanbul geboren, bereitete sich Karasu auf eine Laufbahn als Konzertpianist vor. Ein denkwürdiges Ereignis - er musste seinen geliebten Kater Ferenc ins Tierheim geben - veranlasste ihn zu einer abrupten Sinneswandlung. Statt Musiker zu werden, studierte er Philosophie und wurde einer der wenigen türkischen Sprachphilosophen. Ab 1950 begann er in verschiedenen Literaturzeitschriften zu publizieren, zunächst Gedichte, dann Erzählungen. Als literarischer Übersetzer hat er sich ebenfalls einen Namen gemacht: aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen übertrug er anspruchsvolle Werke ins Türkische. Die Autorenpalette reicht von Shakespeare bis Calvino.
Als sein Hauptwerk gilt der Roman Gece (Die Nacht). Er selbst legte auf seine “Märchen” Göçmüş Kediler Bahçesi (Der Garten entschwundener Katzen) großen Wert.
Der Roman Kılavuz (Der Lotse) ist wie eine Kriminalgeschichte aufgebaut, die durch ihre Realität-, Erinnerung-, Traum- und Phantasiegrenzen verschleiernden Sprache ein Lesevergnügen besonderer Art bietet.
Eine Würdigung wurde Bilge Karasu durch den Pegasus Preis zuteil, der für die beste literarische Leistung außerhalb der USA der davorliegenden 10 Jahre verliehen wurde.
1995 starb Karasu nach schwerer Krankheit in Ankara.

Textproben:
Die Nacht
Der Garten entschwundener Katzen
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