In diesem Reisebericht – oder wenn man so will, in den Tagebüchern aus Frankfurt – tritt uns ein völlig anderer Literat entgegen, als aus seinen klassischen Gedichten bekannt (von denen einige von der wunderbaren Annemarie Schimmel ins Deutsche übertragen wurden). Den Dichter Haşim schildert Annemarie Schimmel so: „Ahmet Haşim, aus einer alten Bagdader Familie stammend, besingt die Musikalität; gleich den von ihm geliebten französischen Dichtern heißt es auch bei ihm: „De la musique avant toute chose…“ und er verabscheut alles, was an Rhetorik und an Beredsamkeit (…) erinnert. Seine eigenen Gedichte sind leichte, schwebende Klänge, sehr kurz, vier bis sechs Zeilen, die den Leser mit ihrer Harmonie von Wort, Sinn und Klang in ein merkwürdiges Zauberland führen. Er hat, wie er in einem seiner ersten Gedichte sagt, die Welt in den Wassern des Teiches der Phantasie geschaut. Diese Welt ist meist abendlich, herbstlich, mit weißen Vögeln, blutenden Rosen, einer heimlichen Melancholie,
mehr als den halben Weg fern von der Erde,
mehr als den halben Weg dem Monde nah…
Durch kunstvolle Wortumstellungen verleiht er den Versen die gewünschte Harmonie; die Verwendung des arabischen, persischen und türkischen Synonyms für denselben Begriff innerhalb weniger Zeilen schafft unnachahmliche und unübersetzbare Nuancen.“ (A. Schimmel: Türkische Gedichte vom 13. Jahrhundert bis in unsere Zeit, S. XXXIII-XXXIV)
Der Haşim des „Frankfurter Reisebericht“ erscheint dagegen kaum mehr romantisch, schon gar nicht rückwärts oder nach innen gerichtet., vVielmehr als ein an der Zukunft Europas und der Türkei intensiv interessierter, verantwortungsvoller Künstler, der mit beiden Beinen im Leben steht. In diesen Texten bzw. Tagebuchaufzeichnungen kommt – wenn auch ganz im Sinne des beginnenden frühen 20. Jahrhunderts – der Ästhet zum Vorschein, der das Stadtbild von Frankfurt am Main als einen Ausdruck von Weltanschauung analysiert, der diese Stadt auch nicht losgelöst von Raum und Zeit sieht, sondern in der Kontinuität eines zu neuen Zielen aufbrechenden Europas. Aber so sehr ihn eine monumentale Ästhetik der Stadtarchitektur auf den ersten Blick fasziniert, so nüchtern erkennt er darin auch ausgrenzendede Tendenzen, vor allem aber ein „Nichtgelingen“ der Umsetzung von humanistischen europäischen Idealen und eine pedantische undurchlässige, innere, hierarchische Trennung der Gesellschaft, die, scheinbar friedlich, hinter den schneeweißen Gardinen ordentlicher deutscher Fenster zurückgezogen lebtlebt. Der Anblick von „gut angezogenen“ Bettlern täuscht zunächst. Er ist schließlich Teil einer „anderen“ Hermeneutik (Deutungskunst), die sich am augenfälligsten von der Hermeneutik des „Orients“ unterscheidet.
Angenehm überrascht dagegen ist der Dichter darüber, dass das Goethemuseum von sehr vielen Menschen besucht wird, und zwar von den Einheimischen. Von dieser Ehrerbietung scheint er besonders angetan zu sein, schließlich ist er selbst auch ein Dichter.

In seinem „Frankfurt Seyahatnamesi - Frankfurter Reisenbericht“ zeichnete der große türkische Dichter Ahmet Haşim (1887-1933) sein eindrucksvolles, persönliches Bild von einer deutschen Großstadt: Frankfurt am Main. Bereits von seinem nahen Tod gezeichnet trat Haşim im Späthherbst 1932 seine letzte Reise an, von der er Heilung, zumindest aber eine Besserung seines Nierenleidens erhoffte. Von seiner zwiespältigen Stimmung gezeichnet – auf der einen Seite die Verzweiflung über die tödliche Krankheit, auf der anderen Seite die Hoffnung auf Genesung – kam er in Deutschland an und blickte auf dieses Land durch den Filter seiner individuellen eigenartigen Weltauffassung, dennoch erstaunlich nüchtern und realistisch, und mit einem beinahe prophetischen Blick. Er hatte schon zu diesem frühen Zeitpunkt die Vorbereitungen des großen Krieges klar erkannt. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind seine Aufzeichnungen eine Dokumen-
tation der besonderen Art: Eine Bestandsaufnahme eines sensiblen Künstlers, der mehr erahnt hat als er sah, der die sich ihm darbietende deutsche Gesell-
schaft intuitiv analysierte, aber sie auch auf sich wir-
ken ließ, eine Gesellschaft, für die er gleichzeitig Bewunderung und Scheu, aber auch Besorgnis empfand.

