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Yerebatan
                                                                                                      
                             I.

     Ahmet Nedim verschwand am helllichten Tag, während er mitten in der Stadt herumspazierte. Das geschah nicht wie in manchen Filmen, manchen Erzählungen, das war auch nicht der Fall des unsichtbaren Mannes. Sich am Seitengeländer festhaltend stieg er eine steinerne Treppe hinunter, es ging auf den Abend zu, doch die Sonne war noch nicht untergegangen. Ein Stück entfernt befand sich ein Platz mit sonnenerleuchteten Hochhäusern: ein Ort, ähnlich dem Taksim Platz. Die leicht rötlichen Strahlen der Sonne erhellten die Stadt. Die Stelle, an der er hinunter wollte, war nicht der Yerebatan Palast, wo sich in den aus Byzanz übriggebliebenen dunklen Wassern Säulen erheben; es war auch nicht der Sultanahmet Platz oder die Hagia Sophia und schon gar nicht in der Nähe jenes großen, steinernen, gelblichen Gebäudes. Er glaubte neben einer Überführung in Tepebasi, oder irgendwo in der Nähe des Taksim Platzes zu sein. Dieser unterirdische Abstieg ereignete sich ganz plötzlich.
     Nachdem er unter die Erde gestiegen war, suchte Ahmet Nedim sofort die Treppe, die er herunter gelaufen war. Er hatte erst ein zwei weitere Schritte getan, also dürfte er noch nicht weit von der Treppe entfernt sein. Doch die steinerne Treppe war eben nicht da. Es sah hier aus wie an einem kopfsteingepflasterten Flussufer, es ging geradeaus und tatsächlich gab es ein Stück weiter ein grünliches, stilles Wasser. Der Kai war nicht allzu dunkel. Was Ahmet Nedim nicht in den Kopf wollte, war, dass es unter der Stadt Istanbul, wo er seit so vielen Jahren lebte, eine derart lange Mole geben sollte und er nichts davon wusste. Während er einerseits mit verwirrtem Blick nach der Treppe suchte, dachte er zugleich an all das; dann dachte er 'Es ist vielleicht von den Genuesen übrig geblieben, sicherlich, kennt man denn alle Bauten der Genuesen in dieser Stadt?' Dann blickte er nach oben, und siehe da, die Decke war nicht zugemauert, von der anderen Seite des Flusses schien leicht die Sonne herüber zu kommen; er näherte sich einem Mann, der an der Mauer saß, so als würde er sich sonnen, und fragte ihn wo die Treppe sei; der Mann gab keine Antwort, er saß still und gleichgültig da. Er hob nicht einmal seinen Kopf und schaute Ahmet Nedim nicht an. Auf einmal fühlte sich Ahmet Nedim merkwürdig. 'Die Einsamkeit eben' dachte er sich, 'ich bin noch sehr jung, aber vor mir erstreckt sich Einsamkeit, eine tote Mole.'
 

          Jenseits des an der Mauer sonnenden Mannes lief er entlang der niedrigen Wand der Mole. Der Fluss mit seinem schmutziggrünen Wasser befand sich zu seiner Linken, auf dessen Oberfläche schwammen Gegenstände, die Verschlüssen von Limonadenflaschen ähnelten, Korken und kleine Holzstücke. Als Ahmet Nedim aufs Wasser blickte, konnte er nichts sehen, außer dieser regungslosen Schlacke.
Eine Weile beobachtete er die leichten Regungen des Wassers. Erneut blieb Ahmet Nedim an der Mole allein. Er lief über viereckige, gehauene Steine, der Fluss zu seiner Linken. Zu seiner Rechten hingegen, wo die Mole durchschnittlich zehn, zwölf Meter breit war, gab es Gebäude mit Arkaden.
     An diesem unterirdischen Ort, wo er sich plötzlich wiederfand, lief Ahmet Nedim seit nunmehr anderthalb Stunden herum. Nicht, dass der Fluss, der darauf schwimmende, unnütze Müll, die Arkaden, der Kai, die Menschen, denen er ab und an begegnete, sein Interesse nicht erweckt hätten, aber Ahmet Nedim war dabei ein wenig bedrückt von dieser neuen Situation, er wollte so schnell wie möglich die Treppe, die ihn hierher geführt hatte, finden, in die lichte, wirkliche Welt zurückkehren. 'Das war nicht meine Absicht' sagte er sich andauernd, 'ich wollte von Sishane nach Tepebasi laufen, die Häuser Stück für Stück betrachten, die Frühjahrssonne ausgiebig genießen, nach Taksim gelangen, auf diese Weise meine gewohnten täglichen Frühjahrsspaziergänge machen. Oberhalb ist es lebendig und real, hier dagegen dunkel, als wäre es nur zum Teil real.'
     So sinnierte Ahmet Nedim, doch weil er sich genierte den älteren, weise wirkenden Männern, die ihm begegneten, seine wahren Gedanken zu enthüllen (denn in der Lebensweise und im Verhalten der hiesigen Menschen gab es kaum Abweichungen von denen Oben), handelte er keinesfalls hastend, benahm sich nicht ungeduldig, er lief auf dem Kai und in den dorthin senkrecht führenden, engen, steinigen Straßen höchst gemütlich herum, vor jedem verhehlend, dass er aus den Augenwinkeln in allen Himmelsrichtungen nach der Treppe suchte.  (...)

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DER BEGINN EINER LIEBE